Georg Brunolds faszinierende Textsammlung „Nichts als der Mensch“

Georg Brunold (Hg.) Nichts als der Mensch

Von Ralf Stiftel Was macht den Menschen aus? Immanuel Kant sah darin die höchste Frage der Philosophie. Warum nicht ein Buch darüber machen, das sammelt: Meinungen, Fakten, Urteile? Der Schweizer Schriftsteller Georg Brunold hat das gemacht.

In „Nichts als der Mensch“, einem Folianten von biblischen Ausmaßen, bringt er Texte von mehr als 300 Autoren aus 2500 Jahren. In chronologischer Reihenfolge haben sie ihren Auftritt. Es beginnt mit dem griechischen Dramatiker Sophokles, der in der Tragödie „Antigone“ feststellte: „Nichts ist ungeheurer als der Mensch“. Und es führt bis zum Journalisten Andrian Kreye, der die bewusstseinserweiternde Qualität des Free Jazz propagiert. Es ist ein herrliches Buch, freilich mit drei Kilogramm Gewicht und dem Folioforemat gänzlich untauglich als Bettlektüre. Und für den Kaffeetisch, als Dekorationsstück, eignet er sich gewiss durch Format und schlicht-schöne Gestaltung. Aber es wäre eine Vergeudung.

Hier ist der Leser gefordert, wach soll er sein, sich herausfordern und verführen lassen. Die einfachen Antworten verweigert Brunold. Dafür bereichert er mit Funden, mit einer Erkundung aller Facetten des Menschseins. Und er kennt keine Tabus. Natürlich kommen hier die Philosophen zu Wort, Aristoteles zum Beispiel denkt darüber nach, ob der Mensch einen freie Willen besitzt. Und sein chinesischer Kollege Menzius (um 370–um 290 v. Chr.) untersucht das Verhältnis von Gut und Böse – was ist anerzogen, was angeboren?

Aber es finden sich auch ungleich handfestere Themen behandelt. Ein Auszug aus der indischen Liebesschule Kamasutra untersucht, welche Frauen zu welchen Männern passen, Rammler, Stier, Hengst und Gazelle, Stute, Elefantenkuh. Ludwig Börne ist mit einer Betrachtung zum „Schmollen der Weiber“ vertreten. Und der Medizinjournalist Jörg Blech steuert einen Text zur Flatulenz bei, der dem heute tabuisierten Furz einige Erkenntnisse ablauscht. Ein abtrünniger Offizier des ägyptischen Pharaos Apries ließ einen fahren auf den Befehl zur Umkehr. Noch bei Luther war der Darmwind eine völlig akzeptierte Äußerung des Menschen nach der Tafel. Und Schuld an allem sind unsere Bewohner, die Mikroben im menschlichen Darm. Der britische Minister Samuel Pepys beichtet im Tagebuch, dass er ein unanständiges Buch gelesen hat.

Dieses Buch handelt von Vielem. Staatstheoretiker kommen zu Wort wie Pierre Bayle und Karl Marx. Ergreifend ist, wie sich der schwedische König Gustav Adolf II. verabschiedet, „nicht aus eigenem Wunsche oder Lust am Kriege“, und der Gewissheit Ausdruck gibt, dass er sein Leben lassen wird. Die Sklaverei ist ein Motiv, das immer wieder aufgegriffen wird, sei es, dass Mahommah Baquaqua von seiner erfolgreichen Flucht berichtet, sei es, dass der geläuterte Sklavenhändler John Newton das Unrecht anprangert.

Der Herausgeber steht natürlich auf der Seite der Aufklärer und Skeptiker. Aber er gibt auch unangenehme Texte, die als historische Zeugnisse wertvoll sind. Den Hexenhammer des Heinrich Institoris nennt Brunold in seiner Einleitung „Teufelswerk“, aber er nimmt den Text auf. Dem klerikalen Denunzianten von 1486 antwortet freilich 100 Jahre später der Brite Reginald Scot mit einer scharfsinnigen Analyse, warum es Hexerei nicht geben kann. Brunold setzt auf den mündigen Leser und mutet dem zum Beispiel von Darwin einen Text über die „natürliche Auslese bei den zivilisierten Völkern“ zu, der von den Nazis und anderen Rassisten missbraucht wurde.

Die modernen Texte stammen oft nicht mehr aus Dichtung und Philosophie, sondern aus der Wissenschaft. Hier liest man vom berühmten „Milgram-Experiment“, in dem die Versuchspersonen in simulierten Verhören Elektroschocks austeilen sollten. Und von Folgeuntersuchungen wie dem Stanford-Gefängnis-Experiment und dem Rosenbaum-Experiment zur Psychiatrie.

Viele Texte in dem Buch sind berühmt, andere Ausgrabungen, und eine Reihe wird erstmals in deutscher Sprache vorgestellt wie Émile Zolas kritische Reportage über Lourdes. Überraschend auch Peter Haffners Reportage über die siamesischen Zwillinge Lori und Reba. Reba ist Countrysängerin. Lori hält ihr das Mikrophon.

Den letzten Schliff verleihen aber die knappen, ausgefeilten Einleitungen Brunolds dem Buch. Da ordnet er ein, wirbt, kritisiert, verzichtet nie auf Fakten. Über Orwells Buch „Down and Out in Paris and London“ sagt er, es müsste „bei jedermann zu Hause im Regal stehen“. Zum Wiener Feuilletonisten Ferdinand Kürnberger, der den Dreißigjährigen Krieg zum Börsenkrieg in Beziehung setzt, meint Brunold: „Sämtliche Teilnehmer hätten schon früher aus seinen Berichten lernen können.“ Und den Bericht über afrikanische Trommelbotschaften leitet er so ein: „Jahrhundertelang war Afrika im Fernmeldewesen Europa und der übrigen Welt voraus.“

Ein Foliant im Familienbibelformat, drei Kilo schwer, aber mit unendlich gewichtiger Denk- und Belehrungskost, mit vielen Erstveröffentlichungen u.a. von Lukrez, Isidor von Sevilla, Balzac und Zola: Georg Brunold (Hg.): Nichts als der Mensch. Beobachtungen und Spekulationen aus 2500 Jahren. Galiani Verlag Berlin, 790 S., 85 Euro

Quelle: wa.de

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