Gelsenkirchen: Philip Glass-Oper von Schindowski

Von Ursula Pfennig ▪ GELSENKIRCHEN–Es schneit. Unaufhörlich rieselt der künstliche Schnee auf die Bühne im Gelsenkirchener Musiktheater. Schicht fällt auf Schicht, nichts scheint sich zu ändern. Ähnlich einförmig lässt die Musik von Philip Glas für drei elektrische Pianos die Motive kreisen. Die ständigen Wiederholungen, auf- und abschwellend, legen sich Schicht für Schicht übereinander, ziehen in den Bann, fast hypnotisch. Doch die Katastrophe liegt in der Luft.

Die Katastrophe erfand Jean Cocteau 1929 im Drogenentzug. Sein Roman „Les Enfants Terribles“ (deutsch „Kinder der Nacht“) erzählt von einem Geschwisterpaar, das sich in einer symbiotischen Beziehung aufzehrt und zwei Freunde in ihren ausweglosen Sog von Liebe, Trieben und Abhängigkeiten hineinzieht. Philip Glass machte daraus 1996 eine Tanzoper, die Bernd Schindowski zusammen mit Rubens Reis nun für das Musiktheater im Revier inszenierte, unter der musikalischen Leitung von Bernhard Stengel.

Das Zimmer der Kinder, in dem sie isoliert von der Außenwelt ihr „Spiel spielen“, markierte Bühnenbildner Johannes Leiacker durch ein Bett und eine Dusche. Es kann in den Orchestergraben abgesenkt werden, erscheint dann wie eine Falle. Später wird ein überdimensional vergrößertes Bett zur Welt der jungen Erwachsenen werden, die ihrem Kindheitswahn nicht entrinnen konnten.

Die Pianisten (Annette Reifig, Askan Geisler, Desar Sulejmani) sitzen vor dem Orchestergraben, direkt vor den Zuschauerreihen. Die Sänger stehen in der Loge. Drei Keyboards, vier Singstimmen, vier Tänzer und ein Erzähler entwickeln die Dimensionen desselben Stoffs auf unterschiedlichen Ebenen. Jeder für sich mit anderen Perspektiven, anderen Nuancen in der Interpretation des Dramas, und doch aufs Engste miteinander verwoben.

Das Ensemble tritt nur am Anfang auf, als im Schnee tollende Kinderschar. Danach gibt es – bis auf eine tote Mutter – keine Außenwelt mehr. Nur noch die vier Protagonisten und ihre Geschichte, personifiziert durch den Erzähler. Als solcher tritt Thomas Weber-Schallauer auf: ein ernster älterer Herr, wissend um den fatalen Ausgang dessen, was die Kinder zunächst nur als „Spiel“ begreifen. Er zeigt Anteilnahme, und doch bleibt er völlig distanziert. Einzugreifen entspricht nicht seiner Rolle. Die Kinder bleiben sich selbst überlassen.

Die Protagonisten sind jeweils mit Singstimme und Tänzer bzw. Tänzerin besetzt. Alina Köppen tanzt die Rolle der Elisabeth, der Schwester. Sie ist die Dominante, die die Fäden des „Spiels“ um jeden Preis in der Hand halten muss, die Kontrolle über Gefühle und Beziehungen. Köppen zeigt Raffinesse und Leidenschaft, das gefährliche Kind an der Schwelle zur jungen Frau, in der sich Tod und Eros verbinden werden. Dazu passt die kräftige und klare Stimme der jungen Sopranistin Engjellushe Duka.

Mezzosopranistin Denitsa Pophristova als Agathe lässt hingegen die Zweifel und Unsicherheiten des Mädchens anklingen, die Elisabeth verehrt und ihren Bruder Paul liebt. Tänzerisch bringt Priscilla Fiuza die Sanftmut Agathes zum Ausdruck, die erst ganz zum Schluss gegen Elisabeths Intrigen aufbegehrt. Paul ist Elisabeth unterlegen. Evgeny Gorbachev als Tänzer erscheint kraftvoll, aber im Gegensatz zu seiner Schwester unbeholfen, fast ohnmächtig. Welch emotionale Kraft in ihm lauert, bringt die Stimme von Michael Dahmen zum Ausdruck. Der Vierte im Beziehungsgeflecht ist Gerard, der zunächst homoerotische Gefühle für Paul hegt, dann Elisabeth liebt und schließlich Agathe heiratet. Min-Hung Hsieh tanzt den hingebungsvollen Freund, E. Mark Murphy spiegelt stimmlich die wechselhaften Facetten dieses Charakters.

Hören und Sehen, Musik und Bewegung, Erzählung und Abstraktion stehen in der Inszenierung gleichberechtigt nebeneinander. Jede Ebene für sich ist stark, allein der Erzähler oder die Klaviermusik könnten fesseln. Mit-einander verwoben werden sie zu einem eindringlichen Erlebnis, das alle Sinne anspricht.

Das Stück

Ein sinnlich ausdrucksstarkes Erlebnis, das Musik, Tanz, Schauspiel und Sprache verbindet. Großartig.

Les enfants terribles im Musiktheater Gelsenkirchen

11., 29. April, 14. Mai, 3. Juli

Tel. 0209 / 4097 200

http://www.musiktheater-im-revier.de

Quelle: wa.de

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