Geigen von Holocaust-Opfern im Konzerthaus Dortmund: „Violins of Hope“

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Reich verziert ist die Klezmergeige „JHV 21“: Blumen auf dem Saitenhalter, Intarsien am Rahmen und ein Davidstern auf dem Boden. zu sehen in der Ausstellung „Violins of Hope“ im Konzerthaus.

Dortmund - Seine Geige nahm Erich Weininger überallhin mit. Als die Nazis ihn 1938 ins KZ Dachau deportierten, dann ins KZ Buchenwald, als er mit Hilfe der Quäker freikam und nach Palästina emigrieren wollte, stattdessen von der britischen Polizei festgenommen wurde und auf Mauritius interniert: seine Geige hielt er fest. Jetzt hängt sie in einer Glasvitrine im Foyer des Konzerthauses Dortmund. Unter dem Lack glänzt die Holzmaserung in Karamelltönen.

Es ist eine der „Violins of Hope“, die die israelischen Geigenbauer Amnon und Avshalom Weinstein restauriert haben. Vater (79) und Sohn (42) betreiben in Tel Aviv eine Werkstatt. 72 „Violinen der Hoffnung“ hat die Familie mittlerweile gefunden. Die ehemaligen Besitzer sind Opfer des Holocaust. Nur wenige überlebten, wie Erich Weininger, der es noch nach Israel schaffte. Nach seinem Tod übergab sein Sohn das Instrument den Weinsteins.

16 Geigen sind im Konzerthaus ausgestellt, einige erklingen beim dritten Saison-Konzert der Dortmunder Philharmoniker sowie bei einer Konzertlesung im Orchesterzentrum.

Manche Ausstellungsstücke sind mit Davidsternen verziert, zum Beispiel die Sammlungsnummer „JHV 21“. Die Perlmuttintarsie auf dem Geigenboden ist typisch für ein Klezmerinstrument, sagt Amnon Weinstein, und dieses Exemplar, etwa 120 Jahre alt, dürfte einem wohlhabenden Musiker gehört haben, genaueres weiß er nicht.

Einige Geigen wurden von jüdischer Handwerkern gefertigt. Zum Beispiel das erste Instrument, das Jacob Hakkert (1891–1944) im Familienbetrieb in Rotterdam baute. Hakkert starb in Auschwitz. Jaacov Zimermann betrieb eine Werkstatt in Warschau; Amnon Weinsteins Vater Moshe ging bei ihm in die Lehre, bevor er 1938 nach Palästina auswanderte. Seine elf Geschwister, die in Litauen blieben, kamen im Holocaust um. Zimermann baute in den 1920ern eine Geige, die nach ihrem Dekor benannt ist: „Fünf Davidsterne“ wurden mit Leim und schwarzem Pulver aufgetragen.

Drei Violinen stammen aus dem Besitz von Musikern, die als Juden nur wenige Monate nach Hitlers „Machtergreifung“ von deutschen Orchestern entlassen worden waren und sich von dem polnischen Geiger Bronislaw Hubermann überzeugen ließen, nach Palästina zu gehen. 1936 waren Zvi Haftel, Wagner und Weichold Gründungsmitglieder des Palästinensischen Orchesters (heute: Israel Philharmonic Orchestra); Arturo Toscanini dirigierte das erste Konzert. Deutsches war in Israel verpönt, viele Geiger wollten ihre Instrumente aus dem Land der Täter nicht mehr haben und boten sie Moshe Weinstein an, das war der Beginn der Sammlung.

Ein Praktikant aus Dresden, der 1999 bei den Weinsteins arbeitete, brachte sie auf die Idee, mit den Instrumenten und deren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Sohn und Enkel forschen heute nach Geigen, die in Lagern, Ghettos oder von Partisanen gespielt wurden. Ohne handfeste Beweise käme keine in die Sammlung, sagt Avshalom Weinstein, und sein Vater erzählt, wie jemand versuchte, ihm eine Geige unterzujubeln: „Als ich den Kasten aufmachte, sah ich sofort, dass das irgendein jüngeres Instrument war.“ Das sei ein plumper, aber verletzender Fälschungsversuch gewesen, möglicherweise die Spekulation mit einer Wertsteigerung. Die Sammlung sei ein Monument für seine Familie und „für die sechs Millionen, die nicht mehr sprechen können“, sagt Amnon Weinstein. „Die Geigen kann man immer noch hören.“ Zum Beispiel die eines Auschwitz-Häftlings, der zum KZ-Orchester gehörte und überlebte. Heute wird das Instrument, wieder in tadellosem Zustand, in Konzerten in aller Welt gespielt.

Gibt es eine Erklärung für die enge Verbindung von Musikern zu ihrer Geige? Erich Weininger etwa war von Beruf Metzger, als Geiger ein Amateur, trotzdem packte er für das KZ sein Instrument ein. Amnon Weinberg antwortet mit einem Schulterzucken. „Isaac Stern hat einmal gesagt, dass so viele Juden Geige spielen, weil man sie jederzeit einpacken und mit ihr fliehen kann.“

Ausstellung bis Freitag, 16.11. im Konzerthaus Dortmund (10 bis 18.30 Uhr).

Einige „Violins of Hope“ erklingen heute und morgen beim Konzert der Dortmunder Philharmoniker (20 Uhr, Konzerthaus). Am Donnerstag stellen Amnon und Avshalom Weinstein in der Konzertlesung „Klingende Zeitzeugen“ die Instrumente vor (18 Uhr, Orchesterzentrum NRW).

Tel. 0231/ 20 696 200

www.konzerthaus-dortmund.de

Quelle: wa.de

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