Geierabend auf der Zeche Zollern in Dortmund: Durch das wilde Ruhrdistan

+
Flache Witze urkomisch präsentiert: Roman Henri Marczewskis „Radio Heimatlos“. ▪

Von Ulrike Dietz ▪ DORTMUND–Das Funkenmariechen im Ruhrpott-Sitzungskarneval ist eine tanzende Kakerlake mit Grubenhelm, der Präsident (Ronan Henri Marczewski) ein dicker, langhaariger Mann mit Harlekinsmütze. Durch das Programm führt ein „Steiger“ (Martin Kaysh), seine Bütt ist eine Lore mit Fuchsschwanz. So die Szenerie des Geierabends. Die Persiflage einer Prunksitzung hat am Donnerstag „auf“ Zeche Zollern in Dortmund Premiere gefeiert.

Das 14-köpfige Ensemble nimmt den vollbesetzten Saal mit auf eine Reise „durch das wilde Ruhrdistan“. Es geht vorbei am nahezu verwaisten Dortmunder U, das Begegnungsstätte für „autonome Nationalisten“ werden soll, und an kettenrauchenden Ruhrpottmuttis im Bademantel, die „Bandscheibe haben“. Der Trip führt weiter zu einem Shopping-Kanal, der dem Griechen Gyros Papademos Euro-Rettungsschirme anpreist. Eine weitere Station ist der Hindukusch, wo eine Sozialpädagogin und ein therapierter Sex-Süchtiger ihren Dienst bei der Bundeswehr ableisten.

Die Themen des Geierabends sind vielfältig. Ruhrgebiets-Prominenz wie der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland („die alte Kackbratze“) bekommt ebenso ihr Fett weg wie der vermeintlich homophobe Deutsche Fußball-Bund. Auch „typische“ Ruhrpott-Charaktere werden zum Gegenstand des Spottes. Originale, die es in Zeiten des Strukturwandels – der übrigens auch aufs Korn genommen wird – in Zukunft vielleicht nicht mehr geben wird.

Franziska Mense-Moritz überzeugt etwa als ewig schwadronierende Hausfrau mit Kippe im Hals, die mit Ruhrpott-Gemeinplätzen wie „wissen se watt“, „ich sach ma“, und „woll“ nur so um sich schmeißt. Ähnliches trifft auch auf Martin F. Risse alias „Joachim Schlendersack aus Schnöttentrop“ zu. Er karikiert überaus treffend einen waschechten Sauerländer, etwa, wenn er über einen Dorfausflug mit Schwein nach Brasilien erzählt – selbstverständlich mit Schützenverein, Blaskapelle und den katholischen Landfrauen im Schlepptau.

Als Spielerfrauen im Sketch über die „Schwulenquote“ beim DFB agieren Sandra Schmitz, Franziska Mense-Moritz und Miriam Rixen hingegen übertrieben überzogen – selbst für eine Persiflage. Mit abgedroschenen Klischees über Homosexuelle, wie etwa, dass sie eine Vorliebe für plüschbezogene Möbel haben, gehört ihr Auftritt eher zu den schwächeren des Geierabends.

Ein Highlight ist jedoch Roman Henri Marczewskis „Radio Heimatlos“ – auch wenn es bloß wenige Sekunden „auf Sendung geht“. Als kauziger Moderator mit Piepsstimme und überdimensionierten Kopfhörern präsentiert er auf urkomische Weise flache Witze im „Kommt-ein-Mann-zum- Arzt“-Stil.

Trotz kleinerer Schwächen sorgt das Ensemble um Regisseur Günter Rückert, Co-Regisseur Hans-Peter Krüger und Choreograf Aleksandar Acev für einen unterhaltsamen Abend. Was der Zuschauer jedoch mitbringen sollte, ist gutes Sitzfleisch. Das Programm läuft gut drei Stunden.

Termine

Der Geierabend findet bis 21. Februar jeweils von Donnerstag bis Sonntag im Industriemuseum Zeche Zollern in Dortmund statt. Beginn 19.30 Uhr, sonntags 18.30 Uhr.

Karten gibt es unter Tel. 01805 / 280123 (14 Cent/min. aus dem dt. Festnetz).

http://www.geierabend.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare