Neuer Gedichtband „Westfalen, sonst nichts?“

Schwelgt in Wortschwällen: Dagmara Kraus. - Fotos: pr

Von Ralf Stiftel AACHEN/HAMM - Es ist schon seltsam, wenn junge Autoren sich wieder auf die Region besinnen – und einen Sammelband mit Lyrik herausgeben, der sie im Titel trägt: „Westfalen, sonst nichts?“ Vor mehr als 50 Jahren, im Nachkrieg, da war das noch ein Streitbegriff, den eine junge Generation gegen die aus der NS-Zeit übrig gebliebenen Heimatdichter wandte. Im Schmallenberger Dichterstreit hieß es 1956, Westfalen sei „lediglich eine Mystifikation“. Warum wird Herkunft heute wieder zum Kriterium?

Das beantworten die Herausgeber Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel in ihrem Vorwort auch nicht so recht. Es gehe ihnen darum zu zeigen, „wie vielfältig die gegenwärtige junge Lyrik in und aus Westfalen ist“, schreiben sie. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, im Buchtitel schwingt ja schon genug Ironie mit. Immerhin erweist sich die Provinz als ausgesprochen literaturhaltig: Mehr als 30 Autoren fanden sich abseits der Zentren wie Berlin oder München. Einige haben bereits Preise gewonnen, andere, wie der 1987 geborene, in Hamm aufgewachsene Andreas Bülhoff, stehen noch am Anfang einer literarischen Karriere.

Die Gegend regt offenbar zum Dichten an. „Westfalen wiegt schwer, hier, / heißt es, lagert das lachen / bei den kartoffeln: kühltrocken / im keller“, formuliert Wenzel. Seine kurzen Poeme sind Erinnerungsbilder ans Ruhrgebiet, einschließlich der Rede Willy Brandts und der rußschwarz welkenden Blätter. Und Ernst Meisters Zeile „Im Nichts hausen die Fragen“ spaltet er auf: „Im nichts hausen die fliegen und phrasen“. Da formuliert sich ein unpathetisches, nüchternes, aber gleichwohl mit Wärme geladenes Heimatgefühl. Jan Skudlarek schreibt: „auf die rechtzeitig ergrauten hammer häuser fällt wolkengefiltertes licht“. Paul Heinrich erinnert sich in „Westfälisch“ an die erste McDonald’s Filiale. Marius Hulpe bedichtet die „Ascheplätze im Ruhrgebiet“: „Sie schmirgelten deinen Charakter“. Und Greta Granderach sammelt aussterbende Wörter aus dem Ruhrpott-Deutsch: „Kabäusken, Kappes Klätschkopp“.

Das kommt angenehm daher, ernsthaft und verspielt zugleich. Der Leser freut sich am Formbewusstsein mancher Stücke, so legt Bastian Schneider ein Stück über das Angeln als ungereimtes Sonett vor. Xaver Römer arbeitet in „keinbild, münsta“ nicht nur mit verschrifteter Alltagssprache eines vielleicht etwas angesäuselten Hobbyfotografen, er spiegelt auch seinen Text um eine Prosa-Achse. Und einfach großartig lesen sich die trunkenen Vers-Schwälle von Dagmara Kraus, bei denen man sich manchmal in einer fremden Sprache wähnt: „neuschurf strassauf; pachtland, wohl abvermietet. / kuranzte klivien unter der maiekruke, die in gravierten / irdenovalen feierlich siechen; geleeig geschlämmt.“

Doch, hier kann man fündig werden, besonders bei Formulierungen, die sich einprägen. Crauss zum Beispiel klagt: „lakritzvergiftung, weil zuviel an zuhause gedacht“. Und sehr westfälisch scheint mir der Humor in Charlotte Warsens Feststellung: „den ranzigen pelz hier nennt man frühling / zwei hälften aussicht und eine schicht aufschnitt“. Vielleicht lösen die Autoren dieses Bandes ein, Heimatliteratur ohne die Ideologie des Bodens zu schreiben. Viele Texte spielen ja auch in der Ferne, in Paris und Berlin, so wie die Autoren nicht alle an der Scholle kleben. Erinnerung und Empathie müssen einen Text ja nicht gleich schlecht machen. Westfalen also, und es macht sich auf der literarischen Landkarte nicht schlecht.

Adrian Kasnitz/ Christoph Wenzel (Hgg.): Westfalen, sonst nichts? [SIC]-Literaturverlag, Aachen/Zürich, parasitenpresse, Köln. 194 S., 14 Euro

Beim Festival „Laut + Luise“ auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde (28.– 29.6.) lesen Autoren des Bandes am Samstag ab 17.30 Uhr. Schon am Freitag spielen u.a. die Flowerpornoes, ab 19 Uhr;

Tel.: 0 25 29 / 94 55 90, www.kulturgut-nottbeck.de

Quelle: wa.de

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