Gedeons „Theatertreffen“ bei den Ruhrfestspielen

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Der Berg ruft: Szene aus „Theatertreffen“ mit Oliver Moumouris und Gerd Plankenhorn.

Von Andreas Sträter ▪ RECKLINGHAUSEN– Volkstümlich klingt es aus dem schneebedeckten Bauernhaus. Bauer, Knecht und Magd zupfen an den Zitzen der Kuh und singen dazu Heimatmelodien. Die Dorfbewohner schlüpfen gerne in andere Rollen, lieben das Schauspiel und machen die Theaterwelt zum Thema ihrer Lieder. Im Songdrama „Theatertreffen“ lässt der Schweizer Regisseur Erik Gedeon seine Figuren in die Selbstbeobachtungsfalle laufen. Im Kleinen Theater des Festspielhauses in Recklinghausen feierte das Stück eine umjubelte Uraufführung.

Aus der Schlüssellochperspektive singen die Dörfler über Krisensitzungen, Kostüme und Kritiken. Vor allem der Bauern-Bub (Oliver Moumouris) schlüpft in alle möglichen Rollen, bellt wie ein Hund, grunzt wie ein Schwein, torkelt wie ein geköpftes Huhn. „Ich liebe Tiere, aber ich wünschte mir, sie hätte mehr Text“, meckert der Dorfjunge. Deshalb geht er mit dem Jäger (Gerd Plankenhorn) auf Wanderschaft und entdeckt beim Theatertreffen das Regietheater. Das gefällt dem Dorf gar nicht. Ein Gewitter steigt auf, der Bauer (Stefan Hallmayer) zückt die Forke wie ein Teufel und der Pfarrer versucht, dem Jungen die wilden Gedanken an experimentelles Theater wie ein Exorzist auszusaugen. Der Herr Pfarrer (Franz Xaver Ott) hat nur Schauerliches über das Regietheater gehört und singt im Takt der Marschmusik „der Bub entblößt die Vorhaut, das Mädchen bläst ein Schwein“.

Der Jäger zeigt den Tanz der neuen Theaterwelt, schüttelt sich, rüttelt sich, kriecht gebückt wie eine Marionette über die Bühne. Damit ist der Jäger das personifizierte Grauen auf der Heimatalm, deren Dorfbewohner stets künstlich lächelnd in jeder Stimmungslage zum Schuhplattler aufgelegt sind. Ach, herrliche Alpenwelt. Alle gegen den Teufel.

Musik und Inhalt laufen gegeneinander und stehen im ständigen Kampf zwischen Entertainment und Tiefgang. Mit Brüchen führt der Regisseur nicht nur die Wirklichkeit, sondern das Theater selbst ad absurdum. Im Drama wird die zugegebenermaßen dürftige Handlung nicht durch Sprache vorangetrieben, sondern ausschließlich durch Schlagerkracher. Und das konsequent, über zwei Stunden. Gedeon traut sich, was sich andere nicht trauen. Blasphemie könnte man ihm vorwerfen.

In Gedeons Heimatabend, der in Kooperation mit dem Theater Lindenhof Melchingen entstanden ist, geht es aber auch um künstlerische Verortung und um den Wunsch, theatralische Grenzen zu bewahren oder sich im Überschreiten dieser Grenzen neu zu erfinden. Das Theater in der Provinz funktioniert eben anders als die großen Festivals. Aus diesem Umstand entwickelte der Regisseur eine Art Hommage an das Dorftheater, das mit dem idealisierenden Blick aus der Ferne gekoppelt ist an romantisierende Zuschreibungen wie Volksnähe, Traditionspflege im Dialekt oder Naturverbundenheit. Begriffe, die im Singspiel aus dem Alpen zu Hause sind.

8., 9., 11., 12., 13., 14.5.,

Tel. 02361/ 92 180,

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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