„Fundgeschichten“ im Westfälischen Landesmuseum Herne

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Kopflos, aber trotzdem ansehnlich: Westphaliasaurus Simonsensii ist im Landesmuseum in Herne zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HERNE–Jetzt hat Westfalen sogar einen exklusiven Saurier. Entdeckt hatte ihn der Amateurarchäologe Sönke Simonsen im Juni 2007 in einer Tongrube im ostwestfälischen Nieheim. Das exquisit erhaltene Skelett, immerhin mehr als vier Meter lang, wurde in mehreren Teilblöcken geborgen. Und es musste konserviert werden: Eingelagert in das 190 Millionen Jahre alte Fossil war Markasit, das mit der Luft reagiert und den Stein hätte zerfallen lassen. Nun ist es wohlbehalten im Westfälischen Landesmuseum für Archäologie in Herne zu sehen, in der Ausstellung „Fundgeschichten“.

Und zur Premiere in Westfalen hat Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, gleich noch eine Sensation: Wissenschaftler der Universität Bonn haben Anfang des Jahres den Schwimmsaurier, der „Toni“ getauft wurde, als bislang unbekannte Art bestimmt. Nach ihrem Entdecker heißt das Tier Westphaliasaurus Simonsensii. Das Skelett ist in hervorragendem Zustand, auch wenn der Kopf verloren gegangen ist.

Alle fünf Jahre ziehen die Archäologen zwischen Rhein und Weser Bilanz, präsentieren in einer Ausstellung, was sie alles gefunden haben. Die Schau „Fundgeschichten“ war im letzten Jahr in Köln zu sehen. Nun werden die rund 1000 Stücke in Herne gezeigt. Sie umreißen unsere Vergangenheit über Jahrmillionen hinweg von versteinerten Ammoniten, Fischen und Farnen über steinzeitliche Faustkeile bis hin zum Motor eines abgestürzten Messerschmidt-Jagdfliegers aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese überwältigende Fülle wird gegliedert durch die Inszenierung der Objekte in Themenräumen, die eine Zeitreise durch die Landesgeschichte ergeben.

So findet man vor dem Saurier „Toni“ einen unförmigen Klumpen. Das ist ein Elefantenfriedhof, die Reste zahlreicher Elefanten, aber auch Flusspferde, eines Nashorns und eines Hirschs. Vermutlich wurden sie in der Eiszeit von einer plötzlichen Überflutung in einem Flusslauf erfasst, ihre Leiber verrotteten übereinander, und weil sich die Knochen schlecht, die Zähne aber gut erhalten haben, zeugen nur letztere noch von der Tierkatastrophe vor rund 2 Millionen Jahren.

Spektakulär sind auch Funde aus der Römerzeit und dem Mittelalter. Zum Beispiel wurde bei Arbeiten an der Kölner U-Bahn eine prachtvolle tragische Maske aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. entdeckt, die ein Grabmonument zierte. In einer Vitrine ist der kostbare Schmuck aus Perlen, einer Bergkristallkugel und Fibeln ausgebreitet, den Archäologen 2006 auf einem Gräberfeld aus der Merowingerzeit in Ense-Bremen fanden. Und auch skurrile Funde zum Schmunzeln werden präsentiert: Im Kreis Neuss fanden die Paläontologen den Schatz eines urzeitlichen Hamsters, der vor 17 Millionen Jahren Nüsse in einer Höhle vergrub.

In der aktuellen Präsentation wird auch die wichtige Rolle ehrenamtlicher Helfer der Landesarchäologen unterstrichen. Längst nicht alle Baustellen können die Fachleute der Landschaftsverbände absuchen. Einige hundert Ehrenamtliche helfen in Westfalen, berichtet Kirsch. Das seien keine Indiana-Jones-Typen, sondern echte Entdecker. Einer ist Horst Klötzer aus Iserlohn. Der 70-Jährige arbeitet seit 30 Jahren mit dem Landschaftsverband zusammen, eigentlich hat er sich auf steinzeitliche Objekt spezialisiert. Jetzt hat er einige der jüngsten Funde zur Schau beigesteuert. Im Sommer 2006 wurden Objekte aus abgeschossenen britischen Lancaster-Bombern im Stadtwald Hagen im Internet angeboten. Raubgräber waren am Werk. Klötzer machte sich auf die Suche und spürte Wrackteile auf, aber auch persönliche Besitztümer wie ein Taschenmesser, einen Revolver und ein Kruzifix.

Laienausgräber bereiten den offiziellen Archäologen aber auch Sorgen. Gesetzlich ist festgelegt, dass Funde zwischen dem Land, dem Grundeigentümer und dem Finder aufgeteilt werden. Jeder kann mit einem Metalldetektor auf die Suche nach Schätzen der Vergangenheit gehen. Er braucht allerdings eine Genehmigung, sonst muss er mit einem Bußgeld rechnen. Eins der kostbarsten Stücke verdankt die Schau einem Raubgräber – und ein wenig Glück war auch dabei. Der Mann hatte auf einem Flohmarkt in Köln seine Funde angeboten. Natürlich landete er vor Gericht. Aufgrund einer Gesetzeslücke steht aber selbst einem Raubgräber ein Anteil am Fund zu. Die überaus seltene keltische Goldmünze aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. ließ sich als herausragendes Einzelstück nicht teilen. Also entschied der Richter, indem er ein Ein-Euro-Stück warf: Adler hieß, dass die Münze an den Landschaftsverband Rheinland ging.

Fundgeschichten im Westfälischen Landesmuseum für Archäologie in Herne. Bis 20.11., di – fr 9 – 17, do bis 19, sa, so 11 – 18 Uhr. Tel. 02323/ 94 62 80,

http://www.fundgeschichten.lwl.org

Katalog 24,90 Euro, Verlag Philipp von Zabern, Mainz

Quelle: wa.de

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