Max Frischs „Graf Öderland“ in Essen

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Entflammter Überdruss: Szene aus Max Frischs „Graf Öderland“ in Essen mit Jan Pröhl und Laura Kiehne. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN_Der Mann trägt einen Strick um den Hals wie ein Verurteilter, dabei ist er der Staatsanwalt. Die Bilder am Strick zeigen den Mörder, über den er richten soll. Der Mann hat mit der Axt einen Pförtner erschlagen, offenbar ohne Motiv. Der Ankläger versteht – und er wird selber zur Axt greifen. Schon kommt Dienstmädchen Hilde wie eine Fee mit Schneestaub und Glöckchen. Sie löst den Strick. Sie zündet die lästigen Aktenberge an. Und da stehen sie: Er mit wildem Blick vor der Flammenwand, sie auf seinem Rücken an ihn geklammert. Bereit zum Wutausbruch. Bereit zu leben.

Max Frischs Moritat „Graf Öderland“ gehört nicht zu den populärsten Werken des Schweizer Autors. Die Geschichte um den Staatsdiener, der zum Umstürzler wird und dabei über Leichen geht, verstört wohl zu sehr, 1951, nach der erfolglosen Uraufführung, auch 1961, nach der Premiere einer umgearbeiteten Version. Das Schauspiel Essen widmet sich in dieser Spielzeit dem Widerstand und findet die existenzialistische Parabel passend. Regisseurin Konstanze Lauterbach versucht, Frischs Text Aktualität abzugewinnen.

Starke Bilder sind ihr allemal eingefallen. Zum Beispiel wie Jan Pröhl als Staatsanwalt anfangs an der (Gummi-)Leine hängt, das Seil dehnt bis zum Bühnenrand und krächzt: „Es wird immer enger.“ Oder wie er in den Wald kommt, wo ihm Inge und ihre Mutter Schnee und Kälte aus dem Mantel bügeln und er die Axt bekommt, die ihn in den Grafen Öderland verwandelt, diese erfundene Kinderliedfigur. Wie er den Köhlern zu Tagen des Rauschs verhilft, und die Darsteller wiegen sich in torkeligen Tanzschritten, eine Modernisierung antiker Dionysos-Feiern. Später findet er Anhänger, die als Aufständische zu den Waffen greifen, und man soll natürlich an all die Bewegungen denken, die gerade abgehen: schwäbische Wutbürger, Occupy-Rebellen, vielleicht gar arabische Aufständische. Da ist Bewegung, das ist druckvoll gespielt, besonders Floriane Kleinpaß als elfenhafte Begleiterin des Grafen überzeugt, und Kathrin Frosch schuf ein angemessen frostiges Bühnenbild, eine Steigung mit eingelassener Höhle wie aus Marmor oder Gletscher.

Obwohl Lauterbach einige Register des Regietheaters zieht, gelingt ihr die Runderneuerung nicht. Frischs Stück bleibt museal. Der Autor beschreibt eben eine Rebellion ohne Anlass, die zunächst auch kein Ziel hat. Der Pförtner konnte nichts dafür, meint selbst der Mörder, der ihn erschlug. Wo ist da das Vorbild? Frisch hat helle Momente, der Mörder war bei einer Bank angestellt, und einmal mokiert er sich über einen Kunden, der sagt, sein Geld arbeite für ihn. Er sehe nur Menschen arbeiten, antwortet der Mörder, er sei ein Augenmensch. Das hätte vielleicht einen Ansatzpunkt ergeben, um den Griff zur Axt zu motivieren. Aber da bleibt die Regie dem Autor und seinem halbgaren Werk leider zu treu. Von der Langeweile führt kein Weg zum Umsturz.

Stattdessen treten die Akteure vor der Pause an die Rampe und deklamieren wie ein antiker Chor Goethes „Zauberlehrling“. Das ist zu laut und zu vordergründig. Und nicht wenige Szenen wirken wie aufgebrezeltes Lehrtheater à la Brecht, nur ohne dessen politisches Bewusstsein.

Frisch war wohl erschrocken davor, dass sein Öderland auch einen guten (Ver-)Führer abgibt, einen prachtvollen Demagogen. Darum frisst bei ihm die Revolte ihre Kinder, die Muse des Staatsanwalts krepiert in der Kanalisation, der „Graf“ selbst endet als Machthaber, wird in den Hermelin der Macht gefesselt. Was noch einmal ein schönes Bild gibt: Der bullige Pröhl in Stoffbahnen eingewickelt, die von den Mitspielern mit den Axtköpfen an den Bühnenboden genagelt werden, bis nur noch das entsetzte Gesicht her-ausblickt.

Es ist anzuerkennen, wenn ein Theater Diskussionsbeiträge liefern möchte zu dem, was die Gesellschaft gerade umtreibt. Aber in Lauterbachs Deutung sagt Frisch uns auch nur, dass man besser nicht widersteht, weil das alles nur verschlimmert. Hilfreich ist das nicht.

Der Versuch, Frischs Parabel zu aktualisieren, glückt nur in einigen Momenten: Graf Öderland am Schauspiel Essen,

8., 26.2., 3., 10., 18.3., 7., 26.4., Tel. 0201/ 8122 200, http://www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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