„Friedrich der Große“: Tim Blanning ordnet die persönlichen Dinge

Eine Kriegsgeschichte mit Friedrich dem Großen von 1778: „Friedrich der Große und der Feldscher“, ein Gemälde von Christian Bernhard Rode (1725–1797). Demnach hat sich der preußische König im Feld von einem Feldscher eine Ader verbinden lassen. Als eine Kanonenkugel neben beiden einschlug, erschrak der Feldarzt und Friedrich der Große soll gesagt haben: „Der muss noch nicht viel Kanonenkugeln gesehen haben.“ Foto: privat

Friedrich der Große ist die schillernde Figur der preußischen Geschichte: Ein aufgeklärter Alleinherrscher, zu dessen Vita grausame Schlachten genauso wie bezaubernde Barockschlösser gehören. Friedrichs widersprüchliches Leben (1712-1786) ist nicht ohne die Demütigungen durch seinen Vater zu verstehen, schreibt der britische Historiker Tim Blanning in seiner glänzenden Friedrichs-Biographie. Und nicht ohne seine Homosexualität.

Blanning ist emeritierter Professor für Moderne europäische Geschichte in Cambridge; der 77-Jährige machte sich einen Namen mit Studien über die Frühe Neuzeit und die Folgen der Französischen Revolution. Seine Biographie des preußischen Königs rückt die persönlichen Lebensumstände Friedrichs stärker in den Mittelpunkt als alle vorherigen Werke.

Noch Johannes Kunisch, Verfasser der letzten umfassenden Friedrichs-Biographie („Friedrich der Große. Der König in seiner Zeit“, 2004), hatte die homosexuellen Neigungen des Königs zur Folge einer Geschlechtskrankheit umgedeutet. Blanning stellt des Königs sexuelle Orientierung und sein entsprechend geprägtes Umfeld dagegen überzeugend dar, leitet daraus auch Friedrichs Frauenfeindschaft ab. Auch die antisemitischen Einstellungen des Königs heben sich erschreckend von seiner sonst sprichwörtlichen Toleranz ab.

Die Frage, wie Friedrichs Homosexualität sein politisches Handeln beeinflusste, wird von den demütigenden Jugenderfahrungen des Kronprinzen überlagert. Hier bearbeitet Blanning bekanntes Terrain, betont aber die erniedrigende Behandlung, die König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) seinem Sohn angedeihen ließ. Dem „Soldatenkönig“ waren die kulturellen Neigungen seines Sohnes zutiefst suspekt. Der berühmte Fluchtversuch zusammen mit seinem Freund Katte, dessen Hinrichtung (1730) und die öffentliche Unterwerfung Friedrichs unter den väterlichen Willen sind oft beschrieben worden, Blanning zufolge aber zentral für das Verständnis Friedrichs des Großen.

Der Sohn trachtete danach, den Vater zu übertrumpfen. Der Soldatenkönig hatte eine schlagkräftige Armee aufgebaut, aber eher spärlich eingesetzt; außenpolitisch galt er als zurückhaltend. Friedrich suchte dagegen die Auseinandersetzung geradezu, verleibte Preußen das österreichische Schlesien ein und kämpfte gegen eine Koalition fast aller europäischen Mächte.

Friedrichs Bilanz auf dem Schlachtfeld ist für Blanning nicht so glänzend, wie zahlreiche preußische Geschichtsschreiber sie dargestellt haben: Dem Triumph von Leuthen (1757) steht die Katastrophe von Kunersdorf (1759) gegenüber. Friedrich selbst war ein mäßiger General, dessen Missgeschicke oft von eigenverantwortlich handelnden Offizieren ausgeglichen wurden.

Er war immerhin beliebt bei der Truppe, teilte die Entbehrungen seiner Mannschaften im Feld und schuf so eine Bindung, die es nach Niederlagen einfacher machte, weiterzukämpfen. Napoleon hat es später ähnlich gehalten wie sein großes Vorbild.

Friedrichs Stärken lagen Blanning zufolge nicht im taktischen, sondern im strategischen Bereich; dass ein Kampf entlang einer „inneren Linie“ ihm Vorteile gegenüber einer an der „äußeren Linie“ weit verteilten Koalition verschaffen würde, hat er klar erkannt und entsprechend umgesetzt.

Diplomatie war dagegen nicht Friedrichs Sache: Den eigenen Verbündeten Frankreich trieb er in eine Koalition mit Österreich. Gerettet hat ihn Blanning zufolge nicht der Tod der preußenfeindlichen Zarin Elisabeth (1709-1762), nach dem die Koalition auseinanderfiel. Ihr Ableben sei absehbar gewesen, schreibt der Historiker. Die Anti-Friedrichs-Koalition sei eben nicht mehr gewesen, es habe keine gemeinsamen Ziel und kaum verbindliche Absprachen gegeben.

Das „Wunder des Hauses Brandenburg“ besteht demnach gar nicht so sehr in Preußens Rettung nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763). Verwunderlich ist eher, dass ein homosexueller König in einer Zeit bestehen konnte, in der Staaten auf monarchischer Erbfolge basierten. Den preußischen Thron bestieg nach Friedrichs Tod 1786 sein Neffe Friedrich Wilhelm II. (1744-1797).

Tim Blanning: Friedrich der Große. König von Preußen. Eine Biographie. Mit 32 Abbildungen und 19 Karten.

C. H. Beck, München; 718 S., 34 Euro

Quelle: wa.de

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