Frida Kahlo und Kunst aus Mexiko in Brüssel

+
Frida Kahlos Selbstporträt mit Äffchen (1945) ist in Brüssel zu sehen.

BRÜSSEL – Die dunklen Augen unter den kräftigen Brauen richten sich direkt auf den Betrachter. Die ebenmäßigen Züge mit den schmalen roten Lippen, dem leichten Schatten darüber, der hohen Stirn und der geflochtenen Frisur sind uns vertraut, eine Ikone der Moderne, das Selbstporträt der mexikanischen Malerin Frida Kahlo (1907–1954). Ein goldenes Band verbindet sie auf dem Gemälde von 1945 mit einem Äffchen, einem Hund und einer präkolumbianischen Figur. Wieder eins dieser Rätsel, die ihre Bilder so besonders machen. Von Ralf Stiftel

Frida Kahlo räumt in diesem Jahr ab. Ab Mai zeigt der Gropius-Bau in Berlin die bislang größte Retrospektive der Künstlerin. Ein Vorspiel dazu bietet nun der Palais des Beaux-Arts, der Bozar in Brüssel: die größte Privatsammlung der Welt aus dem Museo Dolores Olmedo krönt ein Kunstfestival, das Mexiko gewidmet ist. 19 Gemälde, sechs Zeichnungen und eine Radierung, das ergibt eine kompakte Studioausstellung. Kein Wunder, dass die Tickets für den Tag schon mittags vergriffen sind. Einlass ist im Stundentakt, begrenzt, so dass es sich empfiehlt, im Voraus zu buchen. Schon 40 000 Besucher wollten diese exquisite Schau sehen.

Denn „Frida Kahlo y su mundo“ bietet eine konzentrierte Übersicht über die Entwicklung der Malerin, vom Porträt Alicia Galant (1927) bis zum kleinformatigen Tondo „El circulo“ (1954), auf dem die schwer leidende Künstlerin, der ein Bein amputiert werden musste, einen weiblichen Torso in abstrahierten Farbwolken zeigt und so ihre selbst empfundene Auflösung formuliert.

Frida Kahlo ist eine Leitfigur der feministischen Kunst aus vielen Gründen. Zunächst behauptete sie sich in der Ehe mit dem berühmten Maler Diego Rivera, auch als Künstlerin, und lebte so Emanzipation vor. Aber sie drückte auch in bis dahin ungekannter Weise ihre von Schmerz und Leiden geprägte Existenz in ihrer Kunst aus. Als sie sechs war, erkrankte sie an Kinderlähmung. 1925 stieß ein Bus, in dem sie saß, mit einer Straßenbahn zusammen, eine Stahlstange durchbohrte ihr Becken. Immer wieder malte sie Selbstporträts, in denen sie ihr Innerstes entblößt, wie im Bild „Henry Ford Hospital“ (1932), in dem sie eine Fehlgeburt reflektiert. Die Autodidaktin wurzelt tief in der Volkskunst ihrer Heimat. Die Übereinstimmung von Leben und Werk berührt viele Kunstfreunde. In Brüssel sieht man einige Bilder mit weniger bekannten Motiven wie ein Porträt eines verstorbenen Jungen (1937). In einer wütenden Szene reagierte sie auf einen Zeitungsbericht über den Mord eines Mannes an seiner Frau, der hinterher sagte, er habe ihr nur „einige kleine Piekser verpasst“. Kahlos Bild (1935) zeigt eine blutüberströmte Frauenleiche, dahinter den Täter.

Aber im Bozar sieht man noch mehr aus Mexiko, von Fotografen bis zur neuen Videokunst. Das Festival würdigt zwei Jubiläen: Vor 100 Jahren brach die Revolution aus, vor 200 Jahren wurde Mexiko unabhängig, ein doppelter Geburtstag. Die zentrale Schau, „Imágenes del Mexicano“, bietet in 150 Exponaten eine Übersicht von der präkolumbianischen Zeit bis ins 20. Jahrhundert. Hier sieht man nicht nur zu Beginn einen monumentalen olmekischen Kopf und herrliche Tonfiguren. Hier begegnet man auch Frida Kahlo wieder, von der zwei frühe Bilder zu sehen sind – neben einem Foto, das Imogen Cunningham 1937 von der Künstlerin machte. Aber vor allem kann man von den Anfängen über die Kolonialzeit bis in die Moderne verfolgen, wie die Nation langsam ihre kulturelle Identität ausprägt.

Einen ganzen Raum füllen Porträts toter Kinder – man erkennt direkt die Linie von dort zu Kahlos Schaffen. Auch die vitale Kunstszene ihrer Zeit wird dokumentiert, mit kraftvollen Werken von Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros, María Izquierdo und vielen anderen. Und die Schau beschränkt sich nicht auf Malerei, sondern schließt auch Fotografie und Film ein. So sieht man bildmächtige Szenen aus Sergei Eisensteins Revolutionsfilm „Que viva México!“ (1931) und die grandios pathetische Schlussszene aus Roberto Galvadóns existenzialistisch-religiöser Fantasie „Macario“ (1959).

Frida Kahlo bis 18.4., di, mi 10 - 18, do - so bis 21 Uhr,

Imágenes del Mexicano bis 25.4., Katalog (engl.) 39,95 Euro, Tel. 0032 / 2 / 508 82 00

http://www.bozar.be

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221 / 270 9770

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare