Ein Freund Griechenlands: Patrick Leigh Fermors Buch „Rumeli“

+
Von Sir Patrick Leigh Fermor ist das Buch „Rumeli“ auf Deutsch erschienen ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Dieses Buch erscheint gerade rechtzeitig, wo doch heute alle hochmütig auf das alte Hellas herabsehen. Der englische Schriftsteller Patrick Leigh Fermor wusste es besser: „Griechen sind berühmt für ihr Geschick in allem, was mit Geld zu tun hat. Die Kunst, aus dem nichts Gold zu schaffen, wird, was erfreulich ist, nie durch die komplementäre Schwäche getrübt: Geiz gilt als verachtenswert und findet sich so gut wie nie; Griechen verehren und praktizieren Großzügigkeit, selbst dann wenn sie es sich nicht leisten können...“

Lang ist's her. Fermors Reisebuch „Rumeli“ erschien im Original 1966, an einen Euro dachte damals noch niemand. Gerade weil aber dieses Buch von einer guten alten Zeit handelt, ist es so lesenswert. Sir Patrick Leigh Fermor (1915–2011), Schriftsteller und Held des Zweiten Weltkriegs, hat viele Weltgegenden bereist. Aber sein Herz gehörte Griechenland, über das er seine anrührendsten Texte verfasste. Rumeli, so heißt der gebirgige Norden des Landes. Hier reiste Fermor noch auf eine altmodische Art, als Wanderer durch unberührte Dörfer und abgelegene Nomadenreviere.

Nur so erlebt man Überraschungen, ja, Abenteuer, von denen dieses Buch übervoll ist. Selbst wenn das nur kulinarische Begegnungen sind wie die mit den Sarakatsanen: „Fremde werden bei solchen Anlässen stets ganz besonders verwöhnt: spezielle Leckerbissen, eine Gabelvoll Leber oder Niere oder noch Unergründlicheres werden immer wieder angeboten, Hirn wird aus Köpfen gelöffelt, die der Länge nach durchgeschnitten und aufgeklappt werden wie eine Schatulle … Schafsaugen zu meiden ist eine ständige Herausforderung für den Besucher. Die Bergbewohner schätzen sie sehr, doch wenn man nicht gerade zu den wirklich abgebrühten Reisenden gehört, sieht man doch immer den bitteren Vorwurf, der einem von den Gabelzinken entgegenblickt.“

Abgebrüht, das war Fermor wirklich nicht. Er ließ sich auf die Menschen ein. Er schätzte die archaischen Sitten in den Dörfern und schrieb darüber mit Liebe und Kenntnissen. Das beginnt damit, dass er sich in die Sprache vertiefte – und zu den Höhepunkten des Buches gehört, wie er sich das Boliarische beibringen lässt, einen Jargon für Herumtreiber und Gauner.

Immer wieder landet er am Ende eines Tages an einem Lagerfeuer, in einer Hütte, wo man zu Brot, Ziegenkäse und Wein erzählt. Wunderbar schräg ist die Episode, in der er im Auftrag von Lady Wentworth ein Paar Schuhe ihres Vorfahren sucht, des berühmtesten modernen Griechenlandreisenden Lord Byron.

Fermors Buch besticht durch seine Haltung. Er macht den Leser zum Gesprächspartner, und obwohl er jede Menge historischer Recherchen und Literatur einarbeitet, verfällt er nicht in den Dünkel des Wissenschaftlers. Bei ihm hat man das Gefühl, man lausche an der Bar einem Mitreisenden, der von seinen Erlebnissen berichtet. Auch sein großer Stil bleibt stets der Erzählung untergeordnet.

Schon damals war Fermor bewusst, dass er einen Abgesang anstimmte. In einer langen Tirade beklagt er das Verschwinden seiner Lieblingsorte, der schäbigen Hotels und turbulenten Tavernen, die in „Touristenbabel mit falscher Folklore und verwässertem Wein“ verwandelt wurden. „Die Ökonomen jubeln, doch manch alter Athener, der weiß, welchen Schaden der Tourismus in Spanien, Frankreich und Italien angerichtet hat, bedauert, daß diese Reiselust, bei der die Besucher genau das zerstören, dessentwegen sie kommen, sich Griechenland als ihr neuestes, schönstes und vielleicht zerbrechlichstes Opfer gewählt hat.“

Ganz beiläufig schreibt er an anderer Stelle, dass er in der Karibik Heimweh empfand nach der fernen Inselwelt. Heimweh. Wahrlich einer, der das Land der Griechen mit der Seele fand! In Zeiten, da Länder nur nach ihrem Rating bei US-Agenturen betrachtet werden, tut solch eine von Liebe gespeiste Erzählung einfach nur wohl.

Patrick Leigh Fermor: Rumeli. Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, Zürich. 383 S., 24,90 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare