„fremdes sehen“: Kunst zum Nahost-Konflikt von Ingeborg Lüscher und Monika Huber

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Trauer: Ingeborg Lüschers Videoarbeit „Die andere Seite“ zeigt Yasmeen Ibrahim Quadus, die einen Angehörigen bei Auseinandersetzungen mit Israel verloren hat. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–So nah, eindringlich und würdevoll, sind die Menschen des Nahostkonflikts noch nie gezeigt worden wie in Ingeborg Lüschers Videoinstallation „Die andere Seite“ (2011). Groß, schwarzweiß und frontal sind diese Porträts, bewegte und bewegende Aufnahmen von Menschen aus Israel und Palästina, die engste Angehörige verloren haben. Sie ließen sich filmen und fragen. Lüschers Arbeit ist Teil der Doppelausstellung „fremdes sehen“ in dem Institut Situation Kunst in Bochum. Es werden künstlerische Wege aufgezeigt, Kriegszustände im arabischen Raum anders wahrzunehmen als über die TV-Nachrichten.

Monika Huber, geboren 1959 in Dingolfingen (Bayern), hat dagegen immer wieder diese Nachrichten gesehen: Libyen, Ägypten, Tunesien, Syrien. Länder, in denen der „arabische Frühling“ zur Losung für Freiheit mit unsicherem Ausgang geworden ist. Angesichts der digitalen Medienbilder vom Tahrir-Platz in Kairo oder aus der libyschen Wüste, ist sich Huber sicher: „Das wirkt auf uns, es hat eine Auswirkung auf uns als Europäer.“ Überrascht von unscharfen schnellen Liveaufnahmen, die die TV-Sender angekauft haben, fand Huber immer wieder vergleichbare Motive. Sie fotografierte direkt vom Fernsehgerät und war überrascht, dass die Bilder kein Ortsmerkmal enthielten, eigentlich überall auf der Welt passiert sein könnten. „Sie haben etwas Allgemeines, Zeitloses“, sagt Monika Huber. Sie druckte die Fotos auf A3-Papier, ließ sie in der Badewanne ausbleichen, übermalte sie und fotografierte erneut. Die Serie „Einsdreißig“ (2011-12) zeigt abstrahierte Realität: Festnahmen, Heckenschützen, Demonstranten, verzweifelte Menschen, Kampf- und Prügelszenen. Es sind Augenblicke, die mit der künstlerischen Bearbeitung zu Musterbildern einer Visualisierung von Realität werden. Das digitale Handyvideo fokussiert unsere Teilhabe an gewaltsamen Auseinandersetzungen in der arabischen Welt. Monika Huber macht den szenischen Kanon sichtbarer. „Einsdreißig“ (27 Fineartprints auf Fotopapier) erinnert an TV/Radio-Beiträge und war bereits im Münchener Haus der Kunst zu sehen.

Ingeborg Lüscher, 1936 in Freiberg (Sachsen) geboren, ist die humane Seite des Nahostkonflikts wichtig. Die Künstlerin, die 1999 ihre erste Videoarbeit auf der Biennale in Venedig präsentierte, hat 15 Palästinenser und 14 Israelis getroffen, die um Angehörige trauern. Zu drei Aufforderungen wurden Videoportärts von ihnen gefilmt: 1. Denke, wer du bist, deinen Namen, deine Herkunft. 2. Denke, was die andere Seite dir angetan hat. 3. Denke, kannst du das vergeben? In Bochum sind die Fragen am Boden zu lesen, während die Bilder zu jeder einzelnen Person entsprechend ihrem Gedankenzustand nacheinander projiziert werden. Es gibt keine Antworten, sondern der Betrachter liest im Gesicht der Betroffenen die Wirkung zu Identität, Gewalt und Gnade. Dabei wird die Installation „Die andere Seite“ (33 Minuten) ein Triptychon der Intimität. Denn das Schicksal der Mütter, Väter, Brüder, Schwestern und Ehepartner scheint in ihren Augen auf, ist an Kopfbewegungen zu sehen, dem empathischen Ausdruck, den Tränen. Lüscher bringt nicht nur die Trauernden visuell zusammen, sie öffnet für ihren Schmerz unsere Herzen. Letztlich kennt jeder Mensch Verlustgefühle.

Ingeborg Lüscher hat sich zu der Videoarbeit entschlossen, nachdem ihr eine Kambotschanerin sagte: „Man muss vergeben, sonst kann man nicht weiterleben.“ Im Foyer der Situation Kunst sind alle Araber und Israelis genannt, um die getrauert wird, und auch die Trauernden sind aufgeführt. „Die andere Seite“ war bisher im Hamburger Bahnhof in Berlin ausgestellt.

Fremdes Sehen im Institut Situation Kunst in Bochum.

Eröffnung heute Abend, 18 Uhr; mit Ingeborg Lüscher und Monika Huber, die ein Werkgespräch mit Professor Georg Imdahl führen.

Bis 21. April; mi-fr 14 bis 18 Uhr, sa, so 12 bis 18 Uhr.

Tel. 0234 / 2988901

http://www.situation-kunst.de

Quelle: wa.de

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