Französische Lesefreuden: Zehn Neuerscheinungen aus dem Gastland der Frankfurter Buchmesse

„Da immer die Möglichkeit besteht, dass mein Roman verfilmt wird, setze ich mich beim Schreiben gern den Bedingungen von Dreharbeiten aus.“ Spitzfindig ist Jean-Philippe Delhomme – und findet stets den heiklen Punkt bei eitlen, naiven, arroganten Schriftstellern, von denen es nicht nur in Frankreich genug gibt. Der 1959 in Nanterre geborene Künstler zeichnet seit den 1980er Jahren für Vogue, den New Yorker und andere Magazine. In „Die Sache mit der Literatur“ (Liebeskind Verlag, München, 96 S., 20 Euro) schildert er skurrile und witzige Szenen aus dem Betrieb zwischen kreativer Produktion, dem Umgang mit den Medien und der Begegnung mit Houellebecq.

Mehr als 270 Millionen Menschen sprechen französisch, nicht nur in Europa, sondern auch in Kanada und in afrikanischen Ländern. Sie alle sind mitgemeint, wenn das Gastland Frankreich sich auf der 69. Internationalen Buchmesse in Frankfurt vorstellt. Autoren wie Michel Houellebecq, Yasmina Reza, Amélie Nothomb sind weltberühmt – und unter den 130 Schriftstellern, die sich am Main vorstellen. Hier eine Auswahl aus den mehr als 500 Neuerscheinungen französischsprachiger Literatur.

1Was wäre Frankreich ohne die Haute cuisine? Marie NDiaye, Autorin mit senegalesischen Wurzeln, die den Prix Goncourt gewann und seit zehn Jahren in Berlin lebt, schrieb mit „Die Chefin“ den „Roman einer Köchin“. Natürlich geht es ums Essen, und die Köstlichkeiten werden aufgezählt, die die namenlose Chefin in ihrem Restaurant „La Bonne Heure“ auftischt. Wenn man liest von einer Enten-Spinat-Terrine, von Lammkeule im grünen Mantel und Honig-Rinderbraten, weiß man, dass die Autorin das Geheimnis der Gastronomie versteht. Dazu gehört, dass die Chefin für Stammgäste Überraschungsmenüs zubereitet, „wie man es mit Freunden tut“, aber jede Vertraulichkeit ablehnt. Ein Mann erzählt, ein langjähriger Angestellter der Chefin, der sie unerwidert liebte, ja anhimmelte. Bei ihm klingt die Lebensbeschreibung eines einfachen Mädchens ohne Ausbildung, das als Hausmädchen seine Gabe entdeckt und schließlich ein Spitzenrestaurant führt, wie einige Heiligenlegende. Die Chefin hat eine missratene Tochter, die ganz andere Vorstellungen vom Geschäft hat. Ob man dem sehr parteiischen Erzähler vertrauen kann? Dieser fein gesponnene Roman weiß viel über Kochen und Genießen und noch mehr von menschlichen Gefühlen.

Marie NDiaye: Die Chefin. Deutsch von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag, Berlin. 333 S., 22 Euro

2Ein wichtiger Strang der aktuellen französischen Literatur sind autobiografisch unterfütterte Texte. Delphine de Vigan hat den brillanten Roman „Nach einer wahren Geschichte“ (deutsch 2016) geschrieben, der dieses Prinzip auf infame Weise zerstört. Jetzt erschien ihr Erstlingswerk „Tage ohne Hunger“, das sie 2001 unter dem Pseudonym Lou Delvig veröffentlichte. Und darin arbeitet sie ihre Krankheitsgeschichte auf. Die Protagonistin Laure leidet unter extremer Magersucht, wird mit 36 kg bei einer Größe von 1,75 m in die Klinik eingeliefert, „ein Sack Knochen auf einem Krankenhausbett“. Der Roman schildert die Krankheit mit erstaunlicher Distanz und gelegentlichem Humor. Man lese nur, wie Laure versucht, ein „zu lange gegartes Hacksteak“ zu essen. Während Dr. Brunel sich um eine Therapie bemüht und Laure das gelegentlich sabotiert, beginnt sie zu schreiben, wo es den Mann im Kimono gibt, der von 130 Kilo runter muss, und die „Blaue“, eine boshafte Tratschtante. Denn das Krankenhaus ist hier „ein Konzentrat der Menschheit“.

Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger. Deutsch von Doris Heinemann. DuMont Verlag, Köln. 173 S., 20 Euro

3Carl Aderhold heißt nach einem Philosophen, nach Karl Marx. Sein Vater, Pierre Aderhold, war ein Schauspieler, der in Filmen von Alain Resnais, Louis Malle, Costa-Gavras spielte. Er war aber auch Kommunist und ein jähzorniger Trinker. Aderholds autobiografischer Roman „Die Roten“ ist eine Abrechnung mit dem Vater, der schwer auf dem Leben seiner Kinder lastete. Der Sohn sollte Chronist der Familie werden – aber der Roman beginnt mit einem Akt der Auslöschung. Carl vernichtet alle Erinnerungsstücke. Und doch hat er das Buch geschrieben – allerdings nach seinen Regeln. Parallel zur eigenen erzählt er die Geschichte seiner Ahnen, des Deutschen Peter Aderhold, der in den 1880er Jahren den preußischen Drill nicht mehr erträgt, das Pferd des Hauptmanns tötet und ins Land des Erbfeindes flieht, und seiner Nachfahren. Dazwischen erfahren wir von einer Kindheit wie in einer Sekte. Der Vater verbot Carl die Filme von Louis de Funès und diktierte ihm einen Leserbrief an die Redaktion des Comic-Magazins „Spirou“, nachdem er das Heft zerrissen hatte. Natürlich besuchte Carl ein Ferienlager in der DDR, 1976, wo er sich verliebt – aber beim Flirt brauchen Andrea und er noch einen Kameraden, der übersetzt, so dass sie zu dritt auf der Parkbank sitzen.

Carl Aderhold: Die Roten. Deutsch von Timea Tankó. Arche Verlag, Zürich/Hamburg. 365 S., 24 Euro

4Eine Erinnerung an Pauline Kengué, seine Mutter, ist der Roman „Die Lichter von Pointe-Noire“ von Alain Mabanckou. Der Autor, 1966 in der Republik Kongo geboren, studierte in Paris und hat mit seinen Büchern etliche Preise gewonnen. Das autobiografisch unterfütterte Buch mit vielen Fotos beschreibt die Rückkehr des berühmten Schriftstellers 2012 in seine Heimat, wo er all seinen Onkels, Tanten, Cousins, Cousinen, Neffen, Nichten begegnet. Und das Grab seiner Mutter besucht, die ohne ihn starb. Er war in Paris und hatte nicht das Geld für den Flug nach Afrika. Also ein Dokument der Trauer, aber auch ein Füllhorn heiterer Erinnerungen, zum Beispiel an die komplizierten Familienverhältnisse. Der Stiefvater, Papa Roger, hatte zwei Frauen, eben Pauline und Mama Martine, aber einmal hatte er eine Affäre mit einer gewissen Célestine – der die beiden legitimen Gattinnen die große Kinderschar ins Haus schicken, als „Strafexpedition“. Immer wieder erzählt Mabanckou von Aberglauben und surrealen Begebenheiten wie den Hirschen, die Tonton Matété nicht erlegt, weil es Wiedergänger von Alains Großeltern sind.

Alain Mabanckou: Die Lichter von Pointe-Noire. Deutsch von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind Verlag, München. 272 S., 20 Euro

5Mit Selbstentblößungen hat es auch Édouard Louis, 24 Jahre alt, zum Literaturstar gebracht. Sein Erstlingsroman handelte von einer Kindheit in prekären Verhältnissen auf dem Dorf. Sein zweiter Roman, „Im Herzen der Gewalt“, übersetzt in mehr als 20 Sprachen, verarbeitet eine wahrhaft traumatische Erfahrung: Édouard lernt in einer Dezembernacht auf der Place de la République einen jungen Kabylen kennen, Reda, den er in seine Wohnung mitnimmt. Die anfängliche Liebesnacht schlägt um: Reda vergewaltigt Édouard. Das Erlittene wird seziert, die Kapitel folgen keiner Chronologie, sondern umkreisen das Geschehene, und wenn es besonders schmerzhaft wird, spricht nicht Louis, sondern seine Schwester trägt ihrem Mann vor, was Édouard ihr berichtet hat. Der Autor versucht, wieder Herr seiner Lebenserzählung zu werden, und so geht es nicht allein um das Erlittene, sondern auch um die Erfahrungen des Täters mit Migrationshintergrund, um die latente Fremdenfeindlichkeit der Polizisten, die die Anzeige aufnehmen, und das Erschrecken vor den Folgen der Angst: „Ich war zum Rassisten geworden.“

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt. Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 219 S., 20 Euro

6Sophie, arbeitslose Journalistin, hat den Kopf voll mit 17,70 Euro, ihrem letzten Bargeld. Und die Ziffern 17,70 sprengen den Schriftblock. Lorchus, ihr persönlicher Dämon, wüsste einen Ausweg und hat gleich eine Fülle krimineller Berufstipps: Diebin, Dealerin, Nutte. Er trifft den Sound neoliberaler Versprechungen: „Setz dein Potential frei!“ Der Satan redet nicht nur in Sophie Divrys Roman „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“, er greift auch in die Handlung ein. Als Sophies Freund Hector um Sex mit der Nachbarin bettelt, bringt Lorchus das Schriftbild in die Form eines Penis, so dass Sophie nachgeben muss. Divry parodiert natürlich das autobiografische Schreiben, sie steht zugleich in der Tradition der experimentellen Literatur wie der Gruppe Oulipo, aber ihr Roman sprüht von Wortwitz, literarischen Diebstählen, Unanständigkeiten und Ratschlägen zum Beispiel für eine „effektive Andiedeckestarrung“. Grandios ist auch ihre zweiseitige Auflistung von Musikstilen, die sie mangels Geld nicht erleben kann, darunter Kreationen wie „Trash Tronic Trallala“, „Kaputter Scheißlift“ und „Postnaziale Depression“. Die Übersetzerin verdient ein Extralob.

Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Deutsch von Patricia Klobusiczky. Ullstein Verlag, Berlin. 272 S., 21 Euro

7Was macht eine Gewalttat mit einem Zwölfjährigen? Pierre Lemaitre untersucht diese Frage in seinem Roman „Drei Tage und ein Leben“, dessen Titel eigentlich das ganze Buch umschreibt. Am Vorabend von Weihnachten 1999 verschwindet in der Kleinstadt Beauval der sechsjährige Rémi Desmedt. Es beginnt eine hektische Suche. Der Nachbarsjunge Antoine Courtin ist der letzte, der Rémi sah, aber er schweigt. Dann verwischt ein Unwetter alle Spuren. Wie Lemaitre die Schuld eines Kindes beschreibt, die Nöte angesichts von Befragungen, die Ängste, den Schmerz, das ist große psychologische Literatur. Und der Ausblick auf den Studenten (2011) und späteren Landarzt (2015) Antoine weitet den Text. Die Strafe für den kindlichen Mörder ist unerwartet, aber schmerzlicher als das Gefängnis.

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben. Deutsch von Tobias Scheffel. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 270 S., 20 Euro

8Schon als Erstklässler rettet Faber seine Mitschüler Madelaine und Basile vor dem Pausenhofmobbing. Der Titelheld in Tristan Garcias Roman ist ein Außenseiter der besonderen Art: Hochbegabt, manipulativ, gefährlich. Doch am Anfang des Buchs ist er verschollen in den Bergen, ein heruntergekommener Aussteiger. Madelaine holt ihn zurück. Und in Rückblenden wird die Geschichte eines Jungen mit Migrationshintergrund erzählt, dessen Adoptiveltern, eben die Fabers, sterben, ehe er in die Schule kommt. Er mischt die fiktive Provinzstadt Mornay auf bis an den Rand der Rebellion, schlägt Neonazis in die Flucht, organisiert einen Streik. Garcias Roman handelt vom Einbruch von Elementarkräften in eine verspießte Kleinbürgergesellschaft, und Faber spielt durchaus eine Teufelsrolle. Aber es bleibt in der Schwebe, ob er wirklich ein Dämon ist oder nur Projektionsfläche für die Ängste besorgter Bürger. Subtiler Polit-Schauer.

Tristan Garcia: Faber – der Zerstörer. Deutsch von Birgit Leib. Wagenbach Verlag, Berlin. 428 S., 24 Euro

9Der Roman „Keimruhe“ führt in die Steinzeit. Jean-Loup Trassard nimmt den Leser mit in die ferne Vergangenheit seiner Heimatregion, der Mayenne, zwischen Loire-Region und Bretagne, wo der junge Gohr mit seiner Frau Müa aufbricht, ein eigenes Dorf zu gründen. Skrupulös versucht der Autor, die Zustände vor 5000 oder 6000 Jahren zu rekonstruieren, indem er wissenschaftliche Erkenntnisse mit Beobachtungen aus dem ländlichen Leben und Einfühlung kombiniert. So werden die Beschreibungen, wie Gohr die Fremde erkundet und wie er und sein Freund einen Auerochsen erbeuten, den zuvor ein Rudel Wölfe gestellt hat, immer wieder unterbrochen von Passagen, in denen der Autor offenlegt, welche Beobachtungen ihn zu seinem Text führten. Er schreibe, heißt es einmal, um zu entdecken. Der 1933 geborene Trassard hat fünf Jahre an „Keimruhe“ gearbeitet, oft in rauschhaften Schüben, und das Ergebnis sind Naturbeschreibungen von großer poetischer Kraft: „Er lauscht dem strömenden Pflanzensaft, hört noch das leiseste Knacken der Zweige, die Luft unter den Federn des fliegenden Vogels, die winzige Trübung, die der Schwimmzug eines Frosches im plätschernden Wasser bewirkt...“

Jean-Loup Trassard: Keimruhe. Deutsch von Nicola Denis. Verlag Matthes & Seitz, Berlin. 312 S., 25 Euro

10Der Roman „Vintage“ von Grégoire Hervier rockt. Der Autor erzählt von Thomas Dupré, 25, „Gitarrist, ehedem Mitglied der Band Agathe the Blues and the Impostors, Zeilenschinder bei kaum bekannten Musikzeitschriften und Besitzer von rein gar nichts“. Ein unverhoffter Botengang für den Pariser Gitarrenladen seines Vertrauens führt Thomas zum Landgut Boleskine House am Loch Ness, das einst Jimmy Page gehörte, zu Lord Charles Winsley, Ex-Musiker, Ex-Konzertveranstalter und Sammler, dem eine Gitarre gestohlen wurde. Nicht irgendeine, sondern eine Legende. Selbst Fachleute rätseln, ob 1957 die Gibson Moderne überhaupt gebaut wurde oder ob es nur die Pläne gab. Thomas soll beweisen, dass es das Instrument gegeben hat. Denn auch Lord Winsleys Versicherung zweifelt. So beginnt eine Mischung aus Krimi und Road-Movie, die den Helden zu einem unmusikalischen japanischen Sammler und zu einem sehr prolligen Elvis-Imitator in Memphis führt und zu Li Grand Zombi Robertson, von dem nur eine Single blieb mit Musik, die ihrer Zeit weit voraus war.

Grégoire Hervier: Vintage. Deutsch von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes Verlag, Zürich. 391 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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