Franz Kafkas „Der Prozess“ am Schauspiel Bochum in einer Inszenierung von Fadhel Jaibi

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Besorgt und entrückt: Marco Massafra und Anke Zillich in der Bochumer Inszenierung „Der Prozess“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Ein Mann tritt gegen ein rollendes Bett aus Eisenrohr. Das Bett bewegt sich über die Bühne der Bochumer Kammerspiele. Es ist ein Ding, unfähig, Anteil zu nehmen, an der rätselhaften Geschichte, die der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi mit irritierenden Szenen und krassen Figuren erzählt. Der Mann stößt das Bett, schleudert es, ist verzweifelt und wütend.

Diesem Einzelbild lässt Jaibi noch einen Prolog folgen, der eine Dimension von Angst für die Inszenierung zu Franz Kafkas „Der Prozess“ schafft: Josef K. wird von drei Männern ausgezogen und eben in ein solches Bett gelegt, fixiert und fürs Waterboarding präpariert. Diese Foltermethode, die an Verhöre in Gefängnissen arabischer Diktaturen erinnert, kann Josef K. in Bochum selbst beenden. Es wird als „Experiment“ deklariert, und K. wacht in einem granitgrauen Raum auf, der mit seinen Luken, Ausgucken und Schiebetüren irgendwie zwischen Psychatrie und Gerichtssaal wechselt. Kais Rostom (Bühne) hat das Grauen angedeutet. Blutschmier scheint an den Wänden eingetrocknet.

Nach seiner Bochumer Regiearbeit zu „Medea“ hat Fadhel Jaibi nun zusammen mit Jalila Baccar eine Dialogfassung zu Kafkas Romanfragment „Der Prozess“ geschrieben. Dabei macht Jaibi aus der Geschichte Josef K.s ein schrilles Stationendrama, das die unheilvolle Spannung der ersten Bilder nicht mehr erreichen kann. Die Wächter treten Josef K. feist und mit schwarzen Strumpfmasken entgegen. Dass er verhaftet wurde, aber nicht weiß warum, ist das charakteristische Dilemma im Roman, das schrittweise von Kafka zu einem Schuldtrauma entwickelt wird, ohne dass Josef K. tatsächlich Schuld erkennen kann.

Dieses Paradoxon geht im Szenenreigen der Bochumer Inszenierung verloren. Josef K.s Geburtstags wird mit Hüten, Kerzen und Küsschen zur Spießer-Polonaise verulkt: „Wie schön, dass Du geboren bist.“ K. bleibt als Partydepp zurück, der mit Apfel im Mund zur Buffetbeilage degradiert wird.

Kafkas Romanfigur ist schnell isoliert. Seine Gefühle für Fräulein Bürstner wirken verpeilt, weil Nadja Robiné ein erotisches Früchtchen spielt, das nur Projektionsfläche sein will. Die Frauenrollen sind sexualisiert. Sie gehorchen vor allem dem Muster: Triebabfuhr im Patriarchenstaat. Die Inszenierung verliert ihren Fokus, da die Nebenfiguren schrille Profile erhalten und ein Eigenleben entwickeln. Der Richter spreizt sich als speisendes Breitmaul, der Josef K. das Gespräch verweigert. Matthias Redlhammer spielt auch noch den Advokaten, der sich wuchtig und aggressiv aus seiner Bettstatt erhebt und mit Infusionstropf im Arm vor sich hinschnauzt. Komisch wirkt das bissweilen, vor allem skurril. Unterhaltsam wird‘s, wenn Henrik Schubert den Stellvertreter-Bänker mit Gier auf Geschäfte und Bananen von der Leine lässt. Oder Bernd Rademacher den Onkel als braven Westfalen gibt, der seinem Neffen mal helfen will.

Josef K. bleibt der Sonderling. Dass sich die Romanfigur aber auf ein Rechtsverständnis stützt und in der Bank eine Position bekleidete, bleibt auf der Bühne unbegreiflich. Marco Massafra kann dem Josef K. kein Eigenleben einhauchen. Seine literarischen Monologe wirken ferngesteuert. Seine Verzweifelung transportiert auch Realitätsverlust.

Regisseur Jaibi bietet vor allem das Deutungsbild vom Irrenhaus. Wenn die Verhafteten im Saal umher wuseln, mit animalische Reflexen verrückte Typen stilisieren, dann wird die gesellschaftliche Bindung von Kafkas Prosa zusehens absurd. Gleichzeitig wirken die Bezüge zur Gegenwart wie angepappt, wenn das Kafka-Motiv zur klaustrophobischen Luftnot hier mit Atemmasken garniert wird, die fast jeder im Stück mal trägt.

Stark ist der Priester (Thomas Schweiberer), der die Parabel vom Türsteher spricht und allein mit dem Text mehr Eindruck macht, als der Maler. Ronny Miersch legt ihn als psychotischen Serienkiller an, der drei Mädchen die Kehle aufschlitzt. Solche Regieeinfälle stützen sich auf Kino- und TV-Vorbilder.

Am Ende legt sich Josef K., entmutigt und lebensmüde wieder aufs Bett – bereit zum Waterboarding. Ein Epilog, der alle Handlung ins Traumatische entlässt und das Spiel um Schuld und Recht als Posse versiekern lässt.

25. Oktober, 2., 9. November, 2. Dezember; Tel. 0234 / 3333 5555

Quelle: wa.de

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