Franz-Josef Brüggemeiers „Grubengold“: Geschichte der Kohle ab 1750

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Vor Kohle im Ruhrgebiet: Die Arbeit erfolgte mit Abbauhammer und Schaufel, oben abgesichert war der Bergmann durch einen Ausbau mit Reibungsstempeln und eisernen Kappen, 1953, Zeche Osterfeld in Oberhausen.

Am Ende des Steinkohlebergbaus wird der ein oder andere wehmütig sein. Nun ist es soweit, die Zechen in Bottrop und Ibbenbüren schließen. Eine Stück Industriegeschichte wird in Deutschland beendet. Historiker reagieren berufsbedingt darauf. Sie analysieren, benennen Epochen und bewerten Veränderungen. Franz-Josef Brüggemeier interessiert sich seit Jahren für den Bergbau in Europa. Über die „Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert“ hat er bereits geschrieben.

Sein aktuelles Werk „Grubengold“ ist eine erhellende und nüchterne Bestandsaufnahme zum Brennmaterial: Mythen, Geologie, Industrialisierung, Technik, Kartelle, Religion, Kriege, Gewerkschaften, politische Parteien, Mangelwirtschaft, Streiks... Der Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte in Freiburg berührt mit der Kohle all seine Fachgebiete. „Grubengold“ ist auch ein Buch, das belegt, wie sich die Geschichtswissenschaft zu neunen Themen aufgemacht hat.

Wer „Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute“, so der Untertitel, liest, wird erkennen, weshalb England, Frankreich, Belgien, Deutschland, aber auch Polen, die Ukraine, Wales und Russland mit dem „Grubengold“ ihre Gesellschaften entwickelt haben. Lenin nannte die Kohle 1920 „das wahre Brot der Industrie“.

Gerade im Ruhrgebiet, dem größten Ballungsraum Europas, ist die Kompetenz, Steinkohle zu fördern, sehr ausgeprägt. Ohne die Dampfmaschine von James Watt aber hätte man das Wasser nie aus den tiefen Schächten pumpen können. Und mit der Eisenbahn – ab 1835 in Deutschland – half eine Dampfmaschine auf Rädern beim Transport. Hamburg und Berlin erhielten Kohle noch 1850 aus England. Schiffe waren günstiger, der Schienenverkehr noch nicht belastbar. Die Kohle schaffte es nie, ein globales Handelsgut zu werden. Baumwolle, Zucker, Getreide und Textilien waren ertragreicher.

Brüggemeier zeigt, wie unterschiedlich sich die Märkte für Kohle entwickelten. Selbst in der Eisenindustrie Deutschlands heizten die Metallkocher bis 1850 mit Holzkohle. Erst als die Wälder verfeuert waren, dachte man auch über Öfen nach, die die Wohnzimmer mit Kohle wärmten. Die Stahlindustrie allerdings funktionierte nur mit Koks, der aus Kohle produziert wurde. Deutschland holte ab 1870 auf.

Auch fehlten noch geologische Kenntnisse im 19. Jahrhundert. Um 1834 gab es ein Spekulationsfieber in Frankreich und Belgien. Kapitalanleger ließen Bohrungen vornehmen, bis man bemerkte, dass sich die Flöze Richtung Calais ausdehnten und vor allem im Norden Frankreichs zu finden waren – auch an der Loire und in Lothringen.

Und wem gehörte die Kohle tief im Erdreich? Die Revolutionäre in Paris, nachdem die Monarchie 1789 beendet wurde, setzten als neue Zentralmacht durch, dass Bodenschätze dem Staat gehörten. Nichts für die Massen. 1810 folgte ein Berggesetz, das dem Staat eine „überwachende Funktion“ sicherte. Planwirtschaft?

Die Quellenlage ist dünn, macht Brüggemeier deutlich, so dass der ein oder andere Bericht eben für sich stehen muss, weil zum europäischen Vergleich das Material fehlt. In Großbritannien gab es um 1800 bereits 58 000 Bergarbeiter. Auf dem Kontinent gruben nur 15 000 Menschen nach Kohle. Sie waren weniger produktiv – alle Zahlen beruhen auf Schätzungen.

Präziser werden die Quellen bei Katastrophen. Der Historiker Didier Daniel hat Kirchenbücher im Revier Montrelais (Frankreich) von 1756–1791 studiert. Danach gab es jährlich umgerechnet einen tödlichen Unfall bei Belegschaften von 250 Bergleuten. In einem Exkurs wird die Schlagwetter-Explosion im Bergwerk Radbod (heute Hamm) von 1908 aufgegriffen, als 348 Bergleute starben. Aber auch danach entschied der Zechenbesitzer über Sicherheitsfragen. Der Reichstag in Berlin debattierte, aber im Ruhrgebiet galt der Herr-im-Haus-Standpunkt. Streiks wurden niedergeschlagen; aber Gewerkschaften traten an, Parteien bildeten sich, die Politik änderte sich. Arbeitsrechte wurden vor allem nach den verlorenen Kriegen in Deutschland gestärkt. Ohne Kohle konnte ein Wiederaufbau nicht gelingen. Nach dem zweiten Weltkrieg musste geworben werden. Hans Jagla kam 1956 aus Bayern nach Essen, wo er mit einem Mercedes Benz vom Bahnhof abgeholt wurde. „In Bayern waren wir arm, hier waren wir Könige“, sagte der Bergmann.

Noch heute werden 60 Millionen Tonnen Kohle in Deutschland jährlich verfeuert. Importkohle. Die „glühenden Steine“, wie die Kohle anfangs genannt wurde, bleiben weiter ein Thema der Wirtschaftsgeschichte. Und das Buch „Grubengold“ kann als Nachschlagewerk mit seinen elf Kapiteln, Tabellen und Anmerkungen dienen.

Franz-Josef Brüggemeier: Grubengold. Das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute. C. H. Beck Verlag, München. 455 S., 24 Abbildungen. 29,95 Euro

Quelle: wa.de

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