Franz Grillparzers „Das goldene Vlies“ in Münster

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Erniedrigt und entschlossen: Medea II (Claudia Hübschmann) in der Antikenbearbeitung nach Franz Grillparzer: „Das goldene Vlies“, zu sehen an den Städtischen Bühnen Münster. Im Hintergrund Regine Andratschke als Gora.

Von Achim Lettmann -  MÜNSTER Blut quillt über den Hals des Stiers. Medea hat Hand angelegt und auf Kolchis den Opferdienst für die Götter getan. Dann wendet sie sich ab, um wenig später ihrem Vater zu helfen, der seinem Mordtrieb nachgibt, aber dazu die Tochter braucht.

An den Städtischen Bühnen Münster hebt eine Inszenierung von Martin Schulze an, die die Figur der Medea langsam und souverän aus der Tempelwelt der Götter löst und schrittweise zum Menschsein öffnet. Den Weg aus der Archaik zur Zivilsation hat Franz Grillparzer in seinem dreiteiligen Stück „Das goldene Vlies“ (1821) abgemessen. Er führt die Entwicklung der antiken Medea-Figur in die moderne Konfliktzone von Mann und Frau. Selten werden Grillparzers „Der Gastfreund“ und „Die Agronauten“ gespielt, meist belassen es die Theaterhäuser bei „Medea“, dem dritten Teil.

Die Städtischen Bühnen Münster wagen diese Antikendeutung und schaffen ein intensives Ereignis. Weshalb Medea ihre zwei Kinder getötet hat, beschäftigte Dramatiker und Schriftsteller immer wieder. Grillparzer sieht in der blutigen Tat einen Rückfall Medeas in ihre Zeit auf Kolchis. Schuld aber haben ihr Mann (Jason) und die Gesellschaft (griechische Stadtstaat). Medea fehlen Loyalität und Liebe.

Um der Tragödie Fallhöhe zu geben, muss Regisseur Martin Schulze keine Blutsucht entfesseln. Ganz dosiert setzt er den roten Saft ein, wenn Phryxus’ Haupt eingefärbt ist und so der Frevel von Medeas Vater Aietes, der den Gast auf Kolchis wegen des Vlies’ ermordet, offensichtlich wird. Dieser erste Sündenfall („Der Gastfreund“) ist im abgezirkelten Areal nahe des Tempels platziert, wo sich Barbaren und Griechen begegnen. Rätselhaft wirkt ihr Tun, chorisch klingt der Text massiv,zu Dröhngeräuschen knarzt die Urzeit. In Münster gelingt es, die Unschuld der ersten Tat zu verströmen.

Ulrich Leitner (Bühne) verbirgt die Akteure hinter Schildern, die sie wie Waffen führen. Ist das Misstrauen so groß, sind die Kulturen so fern? Aietes erscheint grimmig skizziert auf dem Schild, Medea mit erhobenem Zeigefinger, sie wird den Vater mehrfach mahnen.

Es ist das Etikett der Trilogie. Das Goldene Vlies steht für die abstrakte Hoffnung, mit ihr alles zu erlangen: Ruhm, Macht, Reichtum – Männerwünsche. Thema bleibt aber in Münster Medeas Lebensweg, der mitunter einen Sog entwickelt.

Langsam senkt sich die weißkahle frontale Wand und gibt den Blick auf ein schwarzes Stelenfeld frei („Die Argonauten“). Hier taucht Jason auf, weiß gekleidet, gewinnt er Medea, weil sie ihn erst als Gott verkennt und küsst. Maike Jüttendonk als Medea I besticht mit ihrem minimalistischen Spiel, wie sie Gefühle erreichen, von denen sie bislang nichts wusste. Dass sie sich für Jason, der das goldene Vlies mitnehmen will, und gegen ihren Vater entscheidet, ist schmerzhaft. Sie ringt mit Aieste, den Axel Holst ruppig, einfältig, aber nicht ohne Gefühl gibt. Maike Jüttendonks Intensität übernimmt die Erzählfolge, jede ihrer Regung wird mit Zuversicht erhöht. Zu Jason geht sie rückwärts, kann sie doch nicht sehen, was noch kommt („Schwach ist der Mensch“). Christoph Rinke spielt ihn voller Begierde und abmessend, wenn er monologisiert: Er liebt Medea – erstmal.

Regisseur Schneider inszeniert präzise, mit dem Timing, dass aus Theater eine Entdeckung macht. Für Medea und Jason setzt er im dritten Teil („Medea“), der in Korinth spielt, zwei weitere Darsteller ein. Claudia Hübschmann spielt die Mutter Medea, die als ehemalige Seherin um Anerkennung im Kulturstaat ringen muss. Ihre Sorge dramatisert der Ehemann, weil er sich von ihr abwendet und sich einer Jugendliebe nähert. Lilly Grooper in beigefarbenen Hotpants ist die schicke Griechin, die Medea grau aussehen lässt. Aurel Bereuter spielt Jason II blasiert und selbstverliebt. Er legt Medea ab, wie einen unmodischen Mantel. In den Dialogen der beiden, klappt eine Beziehungskiste zusammen. Grillparzers Kulturpessimismus wird sichtbar, wenn die Fassade des weißen Korinth zerbröckelt. „Wo sind denn die Kleinen“, fragt Gora. Regine Andratschke verschafft sich als Amme immer wieder Gehör bei den Herren, am Ende klingt ihr humaner Sinn fremd, Grusel steigt auf.

Das Stück

Eine ganz großartige Antikendeutung mit intensiven Darstellern und präziser Regiearbeit.

Das goldene Vlies an den Städtischen Bühnen Münster.

26. April; 2., 14., 16., 18., 30. Mai; 3., 26. Juni;

Tel. 0251/ 59 09 100

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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