Frank Schulz’ Roman „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“

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Frank Schulz

Von Ralf Stiftel „Ich dekompensier gleich“, sagt Donald Maria Jochemsen. Damit will der an allerlei körperlichen und seelischen Zipperlein leidende Universalkünstler, der unter dem Pseudonym DJ Sacknaht neuerdings einigen Erfolg hat, ausdrücken, dass er die Fassung verliert. Aber die Wendung, die immer wieder in Frank Schulz’ Roman „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ erklingt, ist viel weiter zu verstehen.

Dekompensation, ein Fachausdruck der Medizin, bezeichnet eine Überforderung, die der Patient nicht mehr ausgleichen kann. Schulz schildert in seinem Roman eine Dekompensation, eine menschliche Katastrophe, deren Fallhöhe man nur mit einer griechischen Tragödie vergleichen kann. Der Erzähler Christopher Dannewitz, der beste Freund des Helden Onno Viets, weiß es schon im ersten Satz: „Es konnte nicht gutgehen.“

Das Buch ist die Fortsetzung von Schulz’ grandiosem Detektivroman „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ (2012). Darin ging es um eine unglaubliche Freundschaft und einen großen Verrat. Und am Ende war Onno, jener sympathische Tauge- und Habenichts, der noch in jedem Job scheitert, traumatisiert, weil der Kiez-Kriminelle Tibor Tetropov ihn als Geisel genommen hatte. Die Freunde sehen, wie Onno abdriftet. Da kommt Donald ins Spiel, dem der Erfolg mit anarchischem Kasperletheater das Kapital verschafft hat, seiner aus der Ferne angebeteten Internet-Bekanntschaft auf das Kreuzfahrschiff „Flipper IV“ zu folgen. Und weil zu Jochemsens Leiden auch die panische Angst gehört, Opfer zu werden, wird Onno als Leibwächter vermittelt.

Nun ist Frank Schulz, Jahrgang 1957, in Hamburg lebender, vielfach ausgezeichneter Autor, als Humorist ebenso groß wie als Sprachkünstler, und so ist die groteske Beschreibung dieser Lustreise überaus komisch. Wenn die Kleinbürger am Büffet lesen „Interpretation von Vitello Tonnato“, fragt ein Reisender seine Frau: „Wer ist das denn?“ Und der Misanthrop Donald raunt: „Fernsehkoch.“ Oder wenn Schulz eine Tai-Chi-Übung betitelt: „Strullender Hund, der Faschisten grüßt“. Da bekommt man sofort ein Bild in den Kopf. Der Krach, der Terror des Unterhaltungsprogramms, Onnos Schnarchen, das „Schnapsi-Taxi“ – was Jochemsen erduldet, ist eines Odysseus würdig. Und von Schulz, jenem Meister der Tonfälle und präzisen Beschreibung, in einer Kreuzfahrt gründlich recherchiert.

Leider aber folgt dieses Buch dem Geniestreich mit dem „Irren vom Kiez“, und ein alternder, schlecht gelaunter Irgendwie-Künstler ist als Figur nicht annähernd so interessant wie der Schläger Tetropov. Die Schlusswendung ist natürlich ein Geniestreich. Aber die Reiseskizzen tragen bei aller Lustigkeit nicht immer.

Doch auch ein nicht in allen Teilen gelungener Roman dieses Autors lohnt die Lektüre. Hinreißend sind zum Beispiel die eingeschobenen Szenen des prolligen Kasperle-Theaters, die man im dialektgetränkten Original und in einer sehr hochdeutschen Übersetzung liest. Dort sind alle obszönen Wörter nur gepunktet wie in alten Ausgaben des „Faust“. Selbst Sex wird da zu S.x. Und Gretel, die sich gern den „Oarsch epiliert“, herrscht ihren Gatten an: „Mäch den Kopp zu, Späckennäcken!“ Was übersetzt wird mit „Schweig stille, unguter Gemahl!“

Frank Schulz: Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen. Galiani Verlag, Berlin. 325 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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