Frank van Hemerts „Unverschämte Schönheit“ in Hamm

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Vor seinem Ölgemälde mit Marilyn Monroe „Icoon“ (2005/06): Frank van Hemert im Lübcke Museum Hamm. ▪

Von Achim Lettmann ▪ HAMM–Ganz sicher ist man in der Ausstellung von Frank van Hemert nicht. Schwarze Wesen und chaotische Konstrukte dominieren die Kopfseite im Oberlichtsaal des Gustav-Lübcke-Museums in Hamm.

Wölfe, Bären, Raubtiere... sie strecken ihre Klauen, fletschen die Zähne und gehen in Angriffsstellung. Dazu schweben menschliche Arme und Beine, abgetrennt. Der niederländische Künstler zeichnet keine Duelle, sondern er abstrahiert mit figurativen Bildelementen. Es geht um Gewalt, um Bedrohung, Verlorensein und Angst. Wuchtig wirken die neun großen Zeichnungen, die er „Secret Survivors“ (1995) nennt, und die einen in die Ausstellung „Unverschämte Schönheit“ ziehen. Eröffnet wird am Sonntag, 17. April, 11.30 Uhr.

Frank van Hemert überrascht. Einerseits lassen einem die „Secret Survivors“ mit ihrer Existenzkälte und Brutalität das Blut in den Adern gefrieren. Andererseits kann es in einem Gemälde wie „La Petite Mort“ (2005/06) heißer kaum sein. Im Französischen ist der Liebeshöhepunkt gemeint, den dieses Bild mit einem Rot überzieht, das vor allem an Blut erinnert. „Blut ist auch Leben“, sagt Frank van Hemert und erinnert an Hermann Nitsch, den Aktionskünstler, den er sehr schätzt. Der Österreicher feierte in den 60/70er Jahren mit Tierkadavern und Echtblut seine Performances („Orgien-Mysterien-Theater“). Van Hemert will nicht provozieren. In „La Petite Mort“ ist der Wirkmechanismus von Nitschs Aktionskunst genauso angetippt, wie die Farbopulenz der klassischen Moderne mit ihren naturnahen Rottönen. Frank van Hemert bringt Gegensätze zusammen und fesselt das Bewusstsein des Betrachters.

Der Tod hat dem 1956 in Kerkrade geborenen van Hemert eine schicksalhafte Programmatik vermacht. Seine Schwester starb mit 31 Jahren. Seitdem bearbeitet er die „Facetten der Emotionen“, die er damals gespürt hat: Tod, Einsamkeit, Melancholie, aber auch Leben, Trost und Erotik. Seine Motive findet er im alltäglichen Leben („Ich halte mich sehr an meinem Herzen fest“). Zum Beispiel habe er die Einsamkeit von Marilyn Monroe gespürt, sagte er in Hamm. Das Gemälde „Icoon“ (2003/04) transportiert seine Überzeugung, dass die US-Amerikanerin einen Energie-Impuls in die Kultur gebracht hat – etwas, das bleibt. Der Maler ordnet ihr eine Sonnenblume zu, die in der Blumenwelt so herausgehoben erscheint wie die Monroe im Filmgeschäft. Grün, Gelb und Orange trägt er mit dem Pinsel pastos und dicht oder mit dem Handballen schnell und dünn auf. Er möchte, dass die grellen Farben eine Vibration auslösen. Solche Kontraste halten seine Leinwand in Spannung. Als Vorbild für Marilyn Monroe diente ihm eine bekannte Fotografie, die er farblich verfremdete. Außerdem fehlen die Beine der Schauspielerin, so dass die Arbeit keinen Standpunkt liefert und auch deshalb beschäftigt, irritiert.

125 Bilder sind in Hamm zu sehen. Die Ausstellung „Unverschämte Schönheit“ zeigt Papier- und Ölbilder van Hemerts. Hamm ist die letzte Station eines Kooperationsprojektes mit Museen aus Venlo, Haarlem und Siegen. Die Exponate stammen aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Das große Gemälde „Healing me, healing you“ (2011) ist für die Ausstellung geschaffen worden. Der Künstler reagiert auf geometrische Ordnungssysteme.

Van Hemert ist seit der documenta 7 (1982) international bekannt. Er malt in Serien. Blumen tauchen in seinem Werk immer wieder auf. „Wo das Sprechen aufhört“, sagt van Hemert ganz nüchtern, „bringt man Blumen.“ In dem zwölfteiligen Werk „You/Me“ (1999) wird die Blume zum Symbol für Sprachkritik. Van Hemert meint, dass man in der Liebe den anderen doch nie ganz erreiche. Diese Erfahrung wendet er in den Bildern zum Prozesshaften. Er entwirft zerbrechlich zarte Figuren, die einen Hauch Vergeblichkeit atmen.

Van Hemert reagiert auch auf Folterbilder aus Abu Ghraib und auf Gedichte von Paul Celan. Er öffnet dabei Bildszenarien, die ihn bewegen und die den Betrachter mitnehmen. Wohin, lässt sich nicht vorhersagen.

Unverschämte Schönheit. Frank van Hemert im Gustav Lübcke Museum Hamm. Eröffnung so, 11.30 Uhr; bis 10.7., di – sa 10 – 17, so 10 – 18 Uhr; Katalog 29,50 Euro; Tel. 02381 / 175701, www. hamm.

Quelle: wa.de

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