Francesco Tristano bei der Ruhrtriennale in Bochum

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Francesco Tristano ▪

Von Edda Breski ▪ BOCHUM–Zu Grenzgängern hat die Klassik ein gespaltenes Verhältnis: Ihre Fähigkeiten werden bewundert, aber oft nicht für voll genommen. Francesco Tristano bedient die hohe Kunst und die Disco. Mit zwei Programmen war er bei der Ruhrtriennale zu Gast. „Towards Meditation“ war der erste Abend in der Jahrhunderthalle Bochum betitelt.

In die Buddhismus-Programmatik des letzten Jahrs der Decker-Intendanz passt der Abend nahezu perfekt: Tristano führt musikalische Linien ins Endlose, bis der Zuschauer in eine Art Trance verfällt. Ein moderner Versuch über die Auflösung von Struktur und Gefühl. Ein tiefer Basston, ein Wabern und Pulsieren aus dem Synthesizer münden in Bach-Tänze und Partiten, in Cage-Stücke („In a landscape“) und Variationen über Technoklassiker wie Derrick Mays „Strings of Life“. Einiges spielt Tristano pur, anderes mit Hall oder über Bassschleifen. Er klopft auf die Saiten, steckt in Cage-Manier ein Blatt dazwischen. Er stellt gegenüber, verschmilzt, zitiert. Alles fließt. Bachs Fugen lässt er aus dem Gefüge springen. Seine Akzente sind eigenwillig, scheinbar im Moment gefunden. Von Cage oder John Adams ist es nicht weit zum Techno; ein paar Riffs sind Rock‘n‘Roll; die hämmernden Figuren lernen springen, in den leeren Synkopen ist der Jazz ganz nahe. Wenn man in der Musikgeschichte herumdenkt, ist dieses grenzenübergreifende Sampling eigentlich Hiphop mit dem Flügel.

Die Technik ist immer präsent, und sei es im überbrillanten Klang des Flügels, der mit mehreren Mikros abgenommen wird. Dezent inszeniert der 29-Jährige sich selbst: schmaler Anzug, Lockenkopf, Blässe, abwesenes Lächeln. Halb Dandy, halb Nachtgeschöpf. Wie er am Synthie herumschraubt, könnte er DJ in einem hippen Berliner Bunker sein. Dazu passt die Lichtregie, die die Musik synästhetisch unterstützt und zu einem Hauptdarsteller wird. Bach ist schilfgrün und puderrosa, verdichtet sich zu Sonnenaufgangsrot, verblasst zu Sandfarben. Klavierfiguren tanzen davon, werden eingefangen und zum Beat gebündelt. Das Licht wird tiefblau, die Strahler leuchten, der Rhythmus fordert Bewegung.

Tristano begreift Musik als Ganzes, spartenlos: Funk neben Jazzrock, Techno neben Bach. Das ist sympathisch, und oft ist zu spüren, wie im Fluss der Epochen sich neue Erkenntnisse ergeben. Wie ruppig und völlig eigenwillig akzentuiert er Bach spielt; wie zugänglich Cage ist, wenn man sich ihm aus Bachs Strukturdenken nähert. Musikalischer Synkretismus, ansprechend verpackt.

Tristanos eigene Adagios, in einer Art weichem Cage-Stil, („Nach Wasser noch Erde“ vom Album „Idiosynkrasia“) schwimmen allerdings weg wie meditative Filmmusik, lösen sich wolkig auf, wenn ein Melodiefragment in der Wiederholung blasser wird und Tristano in noch und noch eine Wiederholungsschleife geht. Da werden die Stühle in der Jahrhunderthalle beim Zuhören so langsam ziemlich hart. Viele Plätze sind leer geblieben. Einige Gäste gehen weit vor Ende des Konzerts, das Tristano um die Hälfte überzieht. Sie verpassen das geniale Schlussstück mit Funkbeat. Da wirft man jedes Genregefühl gern über Bord und wünscht sich dafür zweierlei: eine Bar und eine anständige Tanzfläche.

Quelle: wa.de

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