Francesco Tristano beim Klavierfestival Ruhr

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Francesco Tristano ▪

Von Elisabeth Elling ▪ BOTTROP –Diese Haltung kann man als Reaktion verstehen auf die informatisierte Gegenwart, auf die umfassende Verfügbarkeit auch des musikalischen Repertoires etwa im Internet: Es wird zum Material, der Kontext verblasst und mit ihm auch Tradition, Wertschätzungen, Zuschreibungen. Francesco Tristano schöpft daraus interpretatorische Freiheiten. Er tritt regelmäßig in Techno-Clubs auf; beim Klavierfestival Ruhr spielte er im Bottroper Kulturzentrum August Everding, wo er John Cage und Johann Sebastian Bach fusionierte, 18. und 20. Jahrhundert. Ein außergewöhnlicher und kapriziöser, wenn auch nicht immer überzeugender Auftritt.

Der 29-Jährige, der seinen luxemburgischen Nachnamen Schlimé als Pianist und Komponist nicht mehr führt, stellt dem Programm ein eigenes Werk voran. Dieses Introit klingt wie eine Synthese: Im Bass verdichten sich treibende Rhythmen, die sich als Echo seines stellenweise sehr konturierten Bach-Spiels her-ausstellen werden. Cages Experimente mit dem Flügel zitiert er mit Griffen in die Saiten, die obertonreiche Schrammeleffekte erzielen. Überspannt wird dies von harmonischen Fragmenten, die Tristano zum Crescendo verdichtet. So nah kommen sich die Komponisten an diesem Abend sonst nicht. Doch verbindet Tristano die Werke vor allem mit seiner eigensinnigen und emotional entkernten Lesart. Sein Anschlag, meist leicht und weich, wird durch den Einsatz der Pedale geradezu entfremdet.

Technische Versiertheit beweist der Absolvent der New Yorker Julliard School in Bachs Partiten und Menuetten, die er mühelos in irrwitzige Virtuosität beschleunigt, etwa in der Gigue aus der Partita Nr. 1 B-Dur (BWV 825). Er lässt den hohen Ton, mit dem sie ausklingt, mit dem Forte-Pedal stehen und blendet in Cages „In a Landscape“ über. Daraus macht er wohliges Ambient-Gesäusel, eine ereignislose Versenkung in einen sphärischen Klang-raum. Eine verwandte Statik, wenn auch mit heftigeren Impulsen und mit rhythmischen Mustern unterlegt, herrscht in „The Seasons“, dem zweiten Cage-Werk des Abends.

Unkonventionell sind seine Bach-Interpretationen: Klar, hell und seltsam regungslos, spüren sie vor allem dem tänzerischen Gehalt der Suitensätze nach. Dann wippt Tristano auf dem Hocker, zieht abwechselnd die Schultern hoch, spult hier eine Corrente ab wie eine Spieluhrmechanik, leuchtet dort eine Fuge mit distanzierter Präzision aus. Und wenn er – wie in der Gavotte der Partita Nr. 6 e-Moll (BWV 830) – Bachs harmonischen Kühnheiten auskostet bis zur Zerfaserung, formuliert er die anschließende Gavotte umso ausdrücklicher.

Tel. 01805/ 500 803

http://www.klavierfestival.de

Francesco Tristano gibt bei der Ruhrtriennale zwei Konzerte in der Bochumer Jahrhunderthalle: Am 1. September einen Soloabend mit Werken von Frescobaldi, Bach, Debussy, Cage, Pärt und eigenen Kompositionen („...Towards Meditation“). Am 2. Sepember gibt es einen Clubabend mit den Techno-Musikern Carl-Craig und Moritz von Oswald sowie den Duisburger Philharmonikern („Technophonic“). http://www.ruhrtriennale.de

Tel. 0700/2002 3456

Quelle: wa.de

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