Fotos von Simone Nieweg im Quadrat Bottrop

Gestaltete Natur: Simone Nieweg fotografierte den Gartenzaun mit Teppich in Gelsenkirchen 2003. ▪

BOTTROP - Wild wuchern Bohnenranken, Lauch und Kräuter durcheinander, und frech blitzt eine knallrote Pfefferoni auf. Krumm und schief der Zaun mit vertrockneten Trieben. Und links, da hängt tatsächlich ein prachtvoller Teppich – als Schattenspender oder Sichtschutz. Diese Anlage hätte nie den Preis eines Schrebergartenvereins gewonnen. Aber bestimmt hat sie Früchte getragen. Die herbe Idylle aus Gelsenkirchen, nah bei der Autobahn 42, hat Simone Nieweg aufgenommen, dass es den geduldigen Betrachter überwältigt vor der Bildtafel im Großformat, die jeden Grashalm, jede Knospe, jeden Riss in den schäbigen Brettern zeigt.

Von Ralf Stiftel

Simone Nieweg fotografiert Gärten, und zwar nicht die prächtigen, touristisch attraktiven, sondern die unscheinbaren. Nutzgärten, wie es sie in Deutschland und Frankreich zu hunderten noch gibt. Viele auf „Grabeland“, ein altmodischer Begriff aus der Zeit, als Arbeiter noch Gemüse anbauten, um zu überleben. Städtische Brachen wurden kurzfristig verpachtet als Gärten auf Abruf. Aber auch die Gemüsefelder und Getreideäcker der Landwirtschaft sind für sie Motiv. Rund 50 Bilder aus den letzten zehn Jahren sind in der Ausstellung „Natur der Menschen“ im Museum Quadrat Bottrop zu sehen.

Nieweg, 1962 in Bielefeld geboren, hat bei Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf studiert, später als Assistentin bei ihnen gearbeitet. Die Bechers dokumentierten weltweit Industrieanlagen und schufen mit ihren Schwarz-Weiß-Bildserien eine eigene Ästhetik. Niewegs Ansatz ist durchaus verwandt. Auch sie widmet sich Menschenwerk, einer Kulturform, die wohl gerade verschwindet. Der Garten mit Teppich in Gelsenkirchen gehörte einer türkischen Familie, war aber nicht offiziell genehmigt. Wenige Tage, nachdem Nieweg ihn mit ihrer Großbildkamera fotografiert hatte, kamen Bagger und ebneten alles ein. Menschen mit Migrationshintergrund gehören zu den letzten, die noch die Zeit aufwenden für diese Art Gartenbau. Auch viele Landwirte geben auf. Nieweg erzählt von der Aufnahme eines Rasens zwischen einer Strauchgruppe und Bäumen, die in den Rheinauen entstand. Als sie hier zuerst fotografierte, war das noch Acker. Inzwischen hat der Bauer alles eingesät, der Gemüseanbau lohnt sich für ihn nicht mehr. Immerhin, meint sie, sei das Grün des Rasens interessant, weil der Boden noch gut gedüngt sei.

Diese Aufnahmen von Kleingärten, Kohlreihen und unkrautüberwucherten Brachen mag der flüchtige Betrachter gering schätzen. Das Panorama des Weinguts bei Cardillac vermittelt vielleicht noch am ehesten eine Art touristischen Reiz. Oder der rosa Fleck der blühenden Pfirsichbäume in der diesig grauen Dordogne. Da findet man vertraute Momente wieder, Landschaften, wie sie in aller Zufälligkeit schon die Impressionisten malten. Was aber soll dieses penible Interesse an Wirsing, Porree und Rhabarber, diese Porträts eines blühenden Weißdorns, das Konterfei eines Pflaumenbaums, der inmitten seiner Früchte steht, eines rotblauen Teppichs der Fülle? Es ist pure Schönheit.

Um sie zu erkennen, muss man freilich den aufmerksamen Blick einer Simone Nieweg haben. Sie spürt die weißen Päonien auf, die im jungen Getreide blühen. Sie tritt dem Erbsenfeld nahe, so dass das zauberische Labyrinth der Ranken und Blätter sichtbar wird, die Grüntöne von Blättern, Zweigen, Schoten. Jeden Krümel des Bodens, jedes Steinchen meint man greifen zu können. Solche Bilder sind mühsam und kenntnisreich erarbeitet. Das Licht muss stimmen, am besten diffus, schattenlos. Kein Wind darf wehen, denn Nieweg belichtet lange, um größte Tiefenschärfe zu erzielen. Sie sagt, dass sie mit ihren Bildern Fenster öffnen möchte, dass der Betrachter eintauchen soll.

Die Gärten fasst sie als ästhetisch gestaltete Räume auf. Die Gärtner, sagt sie, reagieren unbewusst auf die Landschaft. Wenn man nichts vorgebe, passe das Ergebnis immer. Tatsächlich: Der Geräteschuppen, den der anonyme Gärtner bei Paris aus gewellten Plastikelementen, einer verwitterten Metalltür, Brettern, Stangen gezimmert hat, harmonisiert mit seinen Grün- und Erdtönen perfekt mit dem Boden und den Artischocken, die auf dem Acker sprießen. Und selbst ein vom morgendlichen Raureif bepuderter Komposthaufen wird zur Abenteuerlandschaft für das Auge, das schauend im Grünen spazieren darf.

Simone Nieweg: Natur der Menschen im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop. Bis 27.5., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr,

Tel. 02041/ 29 716,

http://www.quadrat-bottrop.de

Katalog, Verlag Schirmer/Mosel, München, 49,80 Euro

Die Kunsthalle Bielefeld zeigt parallel eine Studioausstellung mit weiteren Bildern von Simone Nieweg, bis 29.4., di – so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr, Tel. 0521/ 329 99 500, http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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