Fotos und Sammlung von Eddy Novarro im Picasso-Museum Münster

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Als Häuptling der Kunst fotografierte Eddy Novarro Pablo Picasso. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Für den Fotografen Eddy Novarro machte Picasso fast jeden Quatsch mit. So blickt er auch mit der prächtigen Federkrone auf dem Haupt als Indianerhäuptling in die Kamera. Novarro arbeitete als Fotojournalist in Brasilien, aber seine Neigung gehörte den Künstlern. Unzählige hat er porträtiert und sich mit ihnen dabei so angefreundet, dass sie ihm Bilder schenkten. Die klebte er fein säuberlich in sein „Carnet d‘Or“, sein goldenes Freundschaftsalbum. Und das war nicht irgendwer, der ihm Zeichnungen, Collagen, manchmal richtige Gemälde dedizierte. Novarro traf sich mit den größten Stars seiner Zeit, mit Picasso, Chagall, Miró, Dalí und vielen mehr.

Seine Sammlung ist erstmals öffentlich zu sehen. Das Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster zeigt in der Ausstellung „Who is who – Eddy Novarro und die Avantgarde der 50er bis 70er Jahre“ 60 Fotos und 130 Kunstwerke. Es ist ein Querschnitt durch eine lebendige Phase der Kunst. Novarro war kein Sammler im herkömmlichen Sinn, er suchte nicht Bilder einer bestimmten Richtung.

Er bekam nicht nur Meisterwerke, sondern oft flüchtige Skizzen, Gelegenheitsarbeiten. Und doch fasziniert die Schau mehr als manche Anhäufung bedeutenderer Kunst. Hier kann man den herzlichen Umgang des Fotografen mit den Malern verfolgen. „Avec grand plaisir“ schreibt Marcel Duchamp sein Autogramm. „Pour toi toute mon amitié“, notiert César seine ganze Freundschaft unter eine Zeichnung. „In herzlicher Freundschaft“ signiert auf Deutsch Rudolf Hausner. Und Eddy hielt den Kontakt zu seinen vielen Künstlerfreunden in aller Welt. Miró zum Beispiel porträtierte er erst Mitte der 60er und zehn Jahre später noch einmal. Man findet in der Schau nicht nur die erste Reihe der Prominenten, sondern auch weniger bekannte, zum Teil heute vergessene Künstler wie den Belgier Jean Dewasne, den Japaner Tsuguharu-Leonhard Foujita, den Italiener Gino Severini.

Beim Besuch der Weltausstellung 1958 in Brüssel kam Novarro mit René Magritte in Kontakt. Der posierte mit der typischen Melone vor einem seiner Gemälde und schenkte später eine Buntstiftzeichnung mit typischen Motiven, dem Baguette aus dem Gemälde und eine Pfeife. Die Bekanntschaft mit Picasso vermittelte ein Stierkämpfer. Darum zeigen die Zeichnungen des Spaniers auch Stiere.

Novarros Fotos sind extreme Nahaufnahmen, die dem Porträtierten nahekommen. Die Aufnahme des Malers Willem de Kooning zum Beispiel zeigt den Dreitagebart, den unsteten Blick alles andere als schmeichelhaft. Jede Pore, jedes Haar, jede Hautunreinheit zeigen Novarros Bilder, ohne aufdringlich zu wirken. Er konzentriert sich oft auf die Augen, stellt einen imaginären Blickkontakt her. Max Ernst zum Beispiel ist frontal aufgenommen, so dass man den etwas unsymmetrischen Augen nicht ausweichen kann. Auf einem anderen Bild zieht Picasso gerade an einer Zigarette, so dass die Mundpartie verdeckt ist. Aber den Betrachter trifft der lebhafte, etwas ironische Blick des Künstlers. Seine rechte Schulter ist nackt, ein Pullover ist nachlässig um den Hals geschlungen. Offenbar entstand das Bild im Atelier, und Picasso hat dem Fotografen sehr vertraut, obwohl er in den 60er Jahren schon recht scheu war.

Über Novarro weiß das Museum nicht einmal das Geburtsjahr. Er wurde Ende der 20er Jahre in Bukarest geboren, wanderte aber nach Brasilien aus, wo er in den 50er Jahren Pressefotograf wurde. 1957 wurde er offizieller Fotograf des Präsidenten. Er bereiste die Welt, fotografierte außer Künstlern auch Schriftsteller wie Eugène Ionesco, den Pantomimen Marcel Marceau und den Dalai Lama. Er war mit einer Deutschen verheiratet, Nana, die mit ihrem Charme offenbar viele Künstler becircte. Er starb 2003.

Who is who – Eddy Novarro und die Avantgarde der 50er bis 70er Jahre im Kunstmuseum Pablo Picasso Münster. Bis 9.10., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 414 47 10,

http://www.picassomuseum.de

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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