Fotos im Ruhrmuseum Essen „Alles wieder anders“

Jürgen Hebestreits „Duisburg ATH (August Thyssen-Hütte)“, Duisburg ca. 1970.

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Er ist erst gar nicht zu sehen. Ein Mann steht in seinem Schrebergarten vor der August-Thyssen-Hütte in Duisburg. Jürgen Hebestreit hat das Foto Anfang der 70er Jahre aufgenommen.

Schroffer lassen sich Mensch und Technik kaum ins Bild rücken. Im Unterhemd steht der „Hütten-Gärtner“ da, über ihm strotzende Hochofen-Industrie. Eine Gartenmauer trennt die Welten, ohne Distanz zu schaffen. Vielleicht markiert diese Fotografie noch die alte Zeit, von der sich die Ausstellung „Wieder alles anders“ schnell entfernt. Noch dominiert das Hüttenwerk, noch hat es Rheinhausen, die Stahl-Krise und den Arbeitskampf nicht gegeben, noch scheint der Schrebergarten fürs Freizeitvergnügen groß genug.

Im Ruhrmuseum auf der Zeche Zollverein in Essen sind Fotografien aus der Zeit des Strukturwandels von den 70ern bis in die 90er Jahre zu sehen. Es sei die entscheidende Phase gewesen, sagt Sigrid Schneider, Leiterin des Fotoarchivs und Kuratorin der Schau. Seit den 50er Jahren verschoben sich die Werte: Arbeit, Alltag, Stadt, Land und Kultur, alles wandelte sich im Revier. Zusammen mit Stefanie Grewe hat Sigrid Schneider über 400 Fotografien aus dem Fundus des Ruhrmuseums (150 000 Bilder) ausgewählt. Hebestreits „Duisburg ATH“ zählt zu den Standards, also zu den Motiven, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgenommen wurden: Schrebergärtner vor Industriestätte. Ein Ruhrgebietsklassiker.

Neu ist vor allem die wachsende Bedeutung der Freizeit. Die Menschen haben sich nicht mehr so kaputt malocht. Es gab außer Berg- und Hüttenwerk auch noch andere Arbeitgeber. Rudi Meisels Fotografie „Essen-Schonnebeck“ (1985) zeigt Menschen auf einem Schützenfest. Die ältere Generation genießt das Vergnügen und die gewachsene Zweisamkeit, die jungen nähern sich an, ohne Schützenkluft, aber mit modischem Haarschnitt „Vokuhila“ – vorne kurz hinten lang.

Das Leben ist in Bewegung. Und ab den 70er Jahren wandelte sich das Ruhrgebiet. Werks- und Hüttenschließungen standen an. Die Bildungsoffensive führte dazu, dass zwischen Lippe und Ruhr die dichteste Hochschullandschaft Europas entstand. Man wurde sich der Industriekultur bewusst, sorgte mit der IBA-Emscherpark für neue Wohn- und Lebensformen, renaturierte Brachen und Flüsse. Alles wird von Fotografen festgehalten. Mal ist es die dokumentarische Kunstfotografie eines Thomas Struth, der mit „Drei Knappen, Thyssen-Wohnstätten“, die Formensprache der Siedlungsblöcke herausstellt. Mal wird sozialgeschichtlich gearbeitet, wenn Michael Wolf in seiner Examensarbeit das Bild einer türkischen Familie in Bottrop-Ebel 1976/77 ablichtet. Wer die Ausstellung „Alles wieder anders“ besucht, wird das Zeitkolorit jeder Fotografie spüren, so aussagestark sind die Bilder. Selbst der zunehmende Autoverkehr im Ruhrgebiet hat ein Foto-Genre geschaffen: die Stau-Fotografie.

Ausgestellt sind Originalabzüge der Fotografen, noch nie gezeigte Bilder und Leihgaben von Fotografen wie Brigitte Kraemer und Helmut Holtappel. Es gibt auch Langzeitdokumentationen zu sehen. Wolf Schöne hat eine Familie in Gelsenkirchen-Bismarck mehrmals fotografiert.

Im Ruhrmuseum sind Fotos als Videostandbilder präsentiert, als Fotostrecken gehängt und in großer Vielfalt auf Schauwänden. Es ist ein Bilder-Bad, das man in der eigenen Zeitgeschichte nehmen kann. Jeder wird seine Favoriten finden. „Die Aussteiger im Bauwagen“ (1987) von Klaus Baumers, oder Achim Pohls „Annika und Kalle“ aus der „Obdachlosensiedlung, Hamm“ (1995). Auch Farbfotografien zählen dazu. Hans Grempels Aufnahme „Bochum, Wallbaum“ (1994) wirkt wie im Legoland. Auch das ist das wandelbare Ruhrgebiet.

Die Schau

Fotografierte Zeitgeschichte, geordnet, gehängt und zum Schwärmen schön.

Alles wieder anders im Ruhrmuseum Essen.

Bis 16. Februar 2011; täglich 10 bis 19 Uhr; Katalog 29,80 Euro, im Buchhandel 39,80 Euro. Tel. 0201 / 8845  345

http://www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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