Fotos von Hans-Christian Schink im Museum Küppersmühle

Die Ästhetik von schwerem Material: Hans-Christian Schinks Bild „A20 – Peenebrücke Jarmen“ (2002), zu sehen in Duisburg.

Von Ralf Stiftel ▪ DUISBURG–Das mächtige Betonband schwingt sich auf den wuchtigen Rundpfeilern dynamisch auf den Betrachter zu. Winzig wirken darunter die dürren Bäume. Aber das Wasser, in dem sich die Autobahnbrücke spiegelt, verleiht dem monströsen Objekt eine ruhige Schönheit. Und dann ist da noch dieser winzige Schwan, ein weißer Fleck rechts unten zwischen den Pfeilern. Mit diesem Foto im Großformat – mehr als zwei Meter breit – zeigt Hans-Christian Schink den Landschaftsverschleiß durch den massiven Ausbau der Autobahnen in den neuen Bundesländern.

Das Bild und weitere der Serie „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“ ist im Museum Küppersmühle in Duisburg zu sehen. Das Haus zeigt die bislang umfangreichste Werkschau des 1961 in Erfurt geborenen, heute in Leipzig lebenden Künstlers: „Fotografien 1980 – 2010“. Rund 100 Bilder umfasst die Schau, die in Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar erarbeitet wurde, und sie schließt erstmals überhaupt das Frühwerk ein, kleinere Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der DDR-Zeit.

Schink arbeitet in Serien, die „Verkehrsprojekte“ realisierte er über sieben Jahre hinweg. Obwohl die Bilder doch Menschenwerk zeigen, sind die Menschen aus ihnen konsequent eliminiert. Man sieht Brücken, die als brachiale Betonwände ohne Anfang und ohne Ende in ansonsten entleerte Gegenden abgeladen wurden. Man sieht eine Brache mit Reifenspuren darauf, nur aufgerissener und wieder befestigter Mutterboden, auf dem eine rötliche Schottermasse aufgeschüttet wurde. Man sieht zwei Fahrbahnen, die eine grüne Idylle wie eine Wunde durchschneiden, vorne ist die Straße noch im Bau, da brechen die hellgrauen Linien ab. Die Serie kommt als eindrucksvolles Lehrstück daher.

Die frühesten Fotos, in kleinerem Format und Schwarz-Weiß, wirken fast anekdotisch, obwohl Schink zu der Zeit – er studierte noch an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig – schon ähnlich strenge Abstraktionen aufnahm. Aber hier sieht man das ältere Paar, er mit Hut und Stock, sie im weißen Oma-Mantel, wie sie sich einer Katze auf der Straße zuwenden. Zwei junge Leute, die Reifen an einem Trabi wechseln. Kinder, die auf einer Baustelle zwischen Plattenbauten spielen, im Sand nicht am Strand, sondern vor einem Bagger, oder über große Pfützen springend. Aber schon als er 1989 mit einer Delegation der Weltjugendspiele nach Nordkorea reist, ändert sich der Blick. Wir sehen U-Bahnhöfe, menschenleer, immer aus der gleichen, streng symmetrisch-frontalen Perspektive aufgenommen, mit Gemälden, Farbmosaiken, Skulpturen vor Kopf der Gänge, die alle den großen Führer Kim verherrlichen.

Schink wurde von Fotografie ergriffen, als er im Alter von sieben Jahren eine Kamera geschenkt bekam. Noch heute fotografiert er analog, mit Filmen und Chemie, und diese Liebe zum vollendeten Handwerk zeichnet seine Aufnahmen aus. Er hat durchaus eine Neigung zur Askese bei der Motivwahl, eine Serie besteht aus den kahlen Wänden leerer Büros. Seine Dorfansichten aus dem brandenburgischen Fläming zeigen gleichförmige, unattraktive Wohnstraßen, bei denen der Verdacht, hier verkläre einer eine Heimat, gar nicht erst aufkommt. Aber wie sehr er Schönheit einer Landschaft erkennt und auch festhält, das sieht man sofort vor der großen Tafel, die 2010 in der Antarktis entstand. Diese Szenerie aus grau-weißem Wasser, schneebedeckten Bergen und grauem Himmel wurde wirklich in Farbe fotografiert. Aber man spürt die Grün- und Blauschattierungen aber erst bei genauem Hinsehen. Ein visueller Rausch, ebenso wie die Aufnahmen aus einem Wald in Vietnam.

Schink nutzt seine Kenntnisse auch für Experimente. Bei der Serie „L.A.Night“ denkt der Betrachter erst an Manipulationen am Computer: Die Stadtlandschaft erscheint verpixelt, unscharf, mit grellen, farblich verfälschten Stellen, um die Lichthöfe stehen. Aber auch das entstand am lichtempfindlichen Film: Kleine Ausschnitte aus einem Negativ wurden extrem vergrößert, so dass hier keine Pixel, sondern das grobe Korn sichtbar wird.

Eine weitere Serie, „1 h“, scheint Montagen zu zeigen: Am Himmel dieser Schwarz-Weiß-Landschaften steht eine Art schwarzer Stab wie eingeklebt. Tatsächlich aber handelt es sich um Langzeitbelichteungen von einer Stunde Dauer, und der Stab ist die Sonne, die sich in dieser Zeit am Himmel weiter bewegte. Ein überwältigender Effekt: Die Fotografie fängt tatsächlich den Verlauf der Zeit in einem Bild ein.

Hans-Christian Schink – Fotografien 1980 bis 2010 im Museum Küppersmühle, Duisburg. Bis 3.10., mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203/ 30 19 48 10, www. museum-kueppersmuehle.de

Katalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 38,50 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare