Fotos von Annet van der Voort im Kunstmuseum Ahlen

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Tanja (16) mit Jan Luka (3 Monate): Annet van der Voorts Porträt einer jungen Mutter. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ AHLEN–Ungerührt blickt die junge blonde Frau in die Kamera, geistesabwesend beinahe. Dabei hat das Kind auf ihrem Schoß das Gesicht zu einem Weinen verzogen, das herzzerreißend wirkt, obwohl man es doch nicht hört. Ein stiller Moment, der den Betrachter berührt, auch wenn er die Geschichte des Fotos von Annet van der Voort nicht kennt. Für die Serie „Oh my Baby!“ hat sie im Jahr 2003 minderjährige Mütter in Mutter-Kind-Häusern fotografiert. Kinder noch, die selbst schon Kinder haben. Länger als ein Jahr hat die niederländische Fotografin, die in Drensteinfurt lebt, an dieser Serie gearbeitet.

Einen Raum im Kunstmuseum Ahlen füllen Bilder kindlicher Mütter. Eine sieht uns selbstbewusst an, hält einen Arm schützend um ihr Baby. Eine andere sitzt da, das Kind liegt vor ihrem Bauch, als sei es hineingefallen. Die Posen ähneln sich, aber jedes dieser großen Fotos erzählt eine eigene Geschichte. Das Museum zeigt mit der Ausstellung „Window of my Eye“ die erste umfassende Werkschau der Künstlerin mit Arbeiten der letzten zwei Jahrzehnte.

Die 1950 in Emmen geboreen Fotografin studierte an der Fachhochschule in Dortmund. Schon für ihre Diplomarbeit bekam sie den Deutschen Fotopreis. Die Serie „Still-Life“ ist natürlich auch in Ahlen zu sehen. Dafür fotografierte van der Voort die Gesichter von Verstorbenen, die als Präparate in anatomischen Sammlungen verwahrt werden. Man erblickt nicht nur die Antlitze von Embryonen und Kleinkindern, sondern auch von Erwachsenen. Und obwohl die Verfremdung da ist, der Grünstich durch das Glas und die Konservierungsflüssigkeit, so nimmt man die Toten doch durch den gewählten Bildausschnitt als Personen wahr. Auf einem Bild hat der Präparierte sogar die Augen offen, und es entsteht eine Art Blickkontakt. Zu dieser Serie gibt es ein Pendant, „Nature-Morte“, bei dem die Künstlerin in gleicher Weise präparierte Tiere aufnahm. Diese Bilder betrachtet man mit weniger Beklemmung. Ein Gürteltier, das zu gähnen scheint, ein weise in sich ruhendes Äffchen lösen fast Heiterkeit aus.

Die Vergänglichkeit betrachtet Annet van der Voort als ihr Thema. So suchte sie für die Serie „Memento“ auf Friedhöfen Grabsteine mit Fotografien der Verstorbenen, die durch das Wetter verblichen sind. Abfotografierte Fotos erzählen von verstreichender Zeit. Sie arbeitet stets in Serien und konzeptuell. Schnappschüsse mache sie nur im Urlaub, erzählt sie, und die gehörten auch nicht zu ihrem Werk. Eine Serie besteht aus den Gesichtern von Madonnenstatuen, die durch Flecken, Abschabungen, abgeplatzte Farbschichten und Wurmlöcher einerseits verletzt wirken, andererseits aber auch lebendig, individuell werden.

Die Abfolge von Bildern nutzt sie als erzählerisches Moment. Für die Serie „Metamorphosis“ nahm sie Frauen auf in sieben Phasen vom unmittelbaren Erwachen über Waschen und Schminken bis zu dem Zeitpunkt, da sie bereit sind, das Haus zu verlassen. Von den ausgestellten acht Frauen steht jede für ein anderes Lebensjahrzehnt, die jüngste ist acht, die älteste über 80 Jahre alt. Die Serie, erzählt die Künstlerin, entstand in einem aufwendigen Prozess. Sie besuchte ihr Modell, schlief dort, weckte es und nahm es in der betreffenden Phase auf. Die Frauen wirkten an den Bildern mit. Was so weit ging, dass die achtjährige Leonie darauf bestand, das letzte Foto noch einmal zu machen. Sie hatte ihre Kette vergessen.

Die Kunst von Annet van der Voort besteht auch darin, sich auf ihre Gegenüber einzulassen. Nur so gelang es ihr, Fotos von Schülern mit sogenanntem Migrationshintergrund zu machen, 50 Schüler, die aus 50 Ländern nach Deutschland kamen. Sie besuchte Schulen, lud zum Tee ein, erzählte von eigenen Erfahrungen. „Man muss immer etwas von sich preisgeben“, sagt sie, „sonst bleibt da eine Mauer. Dann kann man kein Porträt machen.“ Sie überwand die Mauer und kam zu Lebensgeschichten wie der von Zikria aus Afghanistan, dessen Brüder von den Taliban ermordet wurden, und von Mirlinda, deren Elternhaus im Kosovo im Krieg niedergebrannt wurde. Ähnlich berührend sind die Porträts von Jugendlichen aus der geschlossenen Psychiatrie. Das allerdings sind Standbilder von Videos. Zu sensibel, zu unruhig für Studiofotografie waren die Porträtierten.

Es gibt noch andere Werkgruppen. Sie variiert in einer Serie das klassische Blumenstillleben der niederländischen Barockmalerei, schafft farbenprächtige, überladene, wenn auch manchmal schon etwas verwelkte Blütenensembles, in denen stets ein Käfer, eine Fliege oder eine Eidechse sitzt. Ganz wie bei den alten Meistern. Sie geht in den Wald und fotografiert Jagdreviere, wobei sie den Blick des Jägers auf die Landschaft dem der potentiellen Beute gegenüberstellt. Sie findet sogar in den Spiegelungen im Flüsschen vor ihrem Fenster ein ergiebiges Motiv für eine Serie über den Jahreslauf.

Am Ende stehen wieder menschenleere Räume. Für „Unforgettable“ nahm sie auf, wie Menschen Fotos von Verstorbenen aufstellen. Das Bild von Ashers Opa steht zwischen Spielzeug, Volkers Opa in NS-Uniform hängt fast versteckt neben Besteck in der Küche. Und über dem Verlobungsfoto von Jannekes Eltern schwebt eine Rose. Wie sie mit der Erinnerung umgehen, das erzählt wieder von den Lebenden.

Quelle: wa.de

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