Fotopionier Carl Strüwe in der Kunsthalle Bielefeld

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Malerei mit Licht: Carl Strüwes „Anker-Komposition“ (1950), zu sehen in Bielefeld. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BIELEFELD–Eine Wolke von Ankern schwebt im Raum. Sie überlagern sich, lassen Objekte durchscheinen, bilden einen visuellen Rhythmus. Einen eleganten Tanz hat Carl Strüwe geschaffen mit seiner „Anker-Komposition“. Doch das Bild von 1950 ist kein abstraktes Gemälde. Strüwe hat es im Fotolabor geschaffen, als Belichtungsmontage aus Mikroaufnahmen vom vielfach vergrößerten Kalkkörper des Seewurms.

Das Bild ist in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen, in der Ausstellung „Reisen in unbekannte Welten“. Es ist vor allem die Reise in ein bislang kaum bekanntes Werk. Carl Strüwe (1898 – 1988) war zwar nicht unbekannt. Schon früh hatten sich seine Experimente mit der Mikrofotografie herumgesprochen. Schon 1949 hatte er eine Einzelausstellung in New York und an vier weiteren Stationen in den USA. Seine Bilder wurden auf der Photokina in Köln gezeigt, er erhielt Medaillen, er kam in Kontakt mit der Gruppe „Fotoform“ um den Pionier der Experimentalfotografie, Otto Steinert. Aber all das war Liebhaberei. Strüwe war zeitlebens als Graphiker bei einer Bielefelder Firma angestellt, die ihm schon mal mitteilte, dass er nicht zu viel Zeit auf seine Fotospielereien vergeuden solle. Auch seine Bücher wurden zwar von Fachleuten gelobt, verkauften sich aber nicht gut und brachten ihm keinen bleibenden Ruhm.

1981 schenkte er der Kunsthalle Bielefeld ein Konvolut von mehr als 400 Fotos. Manche davon wurden seitdem ausgestellt. Doch erst jetzt erschließt die von Jutta Hülsewig-Johnen kuratierte Schau die ganze Breite seines Schaffens. In Kooperation mit dem Carl-Strüwe-Archiv werden nicht nur die Mikrofotografien und Reisebilder gezeigt, sondern auch Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafik. Der Künstler war ausgesprochen vielseitig. So hatte er sich nach seiner Lithographen-Lehre in Malkursen an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule weitergebildet. Er bewegte sich auf der Höhe der Moderne mit Zeichnungen, die vom Kubismus geprägt waren, zuweilen auch an Lyonel Feiningers kristalline Bildstruktur erinnern. Und er interessierte sich für die moderne Technik, zeichnete mehrmals das Bielefelder Gaswerk. Nach 1945 wandte er sich der Malerei zu, fand abstrahierende Landschaften, die aus geometrischen Chiffren zusammengesetzt sind.

Den Schwerpunkt aber setzt die Schau mit Recht auf die Fotografie, die Strüwe in den 1920er Jahren für sich entdeckte. Auf ItalienReisen begann er eine Serie zwischen Landschafts- und historischer Fotografie auf den Spuren der Hohenstaufen. Er lichtete Ruinen und Burgen ab, fertigte porträthafte Nahaufnahmen von Skulpturen und Repros von Buchmalerei. Anfang der 1930er Jahre bereiste er mit seiner Frau Nordafrika. Hier entstanden sehr stilsichere Landschaftsfotos und Bilder von Beduinen.

Der originellste und faszinierendste Teil seines Werks sind die Mikrofotografien. Erfunden hat er das nicht. Seine Arbeit ist offensichtlich von den Zeichnungen Ernst Haeckels beeinflusst, der von Darwin inspiriert war und die „Kunstformen der Natur“ festhielt. Und Karl Blossfeldt porträtierte in seinen „Urformen der Kunst“ Pflanzensprossen und Knospen tiefenscharf und in extremer Nahsicht. Strüwes älteste Mikroaufnahme datiert auf 1926, sie ist „Weiß, über Grau schwebend“ betitelt, wie ein abstraktes Gemälde, obwohl sie die Struktur eines Walknochens zeigt. Schon da ist klar, dass Strüwe mit seinen Aufnahmen ästhetische Ansprüche erhebt. Das runde Bild des Mikroskops bringt er mit einem Vorsatz ins Rechteck des Tafelbilds.

Er zeigt durchaus naturwissenschaftlich interessante Motive, zum Beispiel Algen, die sich teilen, menschliche Hautzellen und eine Trichine in Muskelfleisch. Aber ihn interessierte das vorrangig als bildnerisches Problem. Er sucht geometrische Strukturen in der Natur, zeigt die Kieselalge als Quadrat, Kristalle der Hippursäure als Kegel, den Saugrüssel des Kohlweißlings als Spirale. Er sucht „Urbilder“ und findet sie in den Vergrößerungen: Die Antenne des Maikäfers als „Urbild des Meldewesens“, zarte Schirme an einem Stab, die sich mit ihren Netzstrukturen überlappen. Oder die Brennhaare einer Nessel als „Urbild der Abwehr“, und die weißen Haare scheinen auf dem Stengel wie kleine Flammen zu flackern. Seine Entdeckungen erinnern zuweilen an Werke berühmter Künstler, der „Große Märchenvogel“ (1947), den er in der Schale einer Meerassel entdeckte, wirkt wie ein Motiv von Paul Klee. Inn Pflanzenzellen fand er Geistergesichter.

Von da ist es nicht weit zur aktiven Gestaltung der Bilder, sei es durch die Steuerung des Lichteinfalls, sei es durch Mehrfachbelichtungen. Was wie die organischen Formen der abstrakten Nachkriegsmalerei wirkt, sind tatsächlich gegenständliche Motive. Die Grenzen verschwimmen, zum Beispiel bei den „Rhythmischen Formen“ (1950). Und vielleicht weist Strüwes Malerei ohne Pinsel und Stift voraus auf heutige digitale Bildwelten.

Carl Strüwe. Reisen in unbekannte Welten in der Kunsthalle Bielefeld. Bis 13.5., di – so 11 – 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr,

Tel. 0521/ 329 99 500, http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 24,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Parallel zeigt der Bielefelder Kunstverein bis 29.4. Arbeiten zeitgenössischer Künstler, die an Strüwe anknüpfen.

Quelle: wa.de

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