Fotografien des US-Klassikers Robert Adams in Bottrop

Eine einsame Bewohnerin in kalter Neubau-Geometrie: Robert Adams’ Aufnahme aus der 1968 bis 1971 entstandenen Serie „The New West“ ist in Bottrop zu sehen. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel BOTTROP - Sauber ist der Rasen gemäht. Durch den Schatten führt der blank gefegte Weg zur Tür des Hauses Nr. 812. Die Gardinen im Fenster sind zur Seite gezogen. In dem winzigen Feld genau im Bildzentrum sieht man die Silhouette einer Frau. Der Himmel über dem Haus ist leer. Was man durch das Fenster vom Zimmer sieht, ist Leere. Kein Möbel, keine Pflanze, keine Dekoration. Dieser schwarze Menschenfleck steht für große Einsamkeit.

Das Bild stammt aus der 1974 entstandenen Serie „The New West“ des amerikanischen Fotografen Robert Adams. Zu sehen ist es im Josef Albers Museum in Bottrop, im Rahmen der Ausstellung „The Place We Live“. Mit rund 270 Originalabzügen bietet die Schau einen Querschnitt durch das Schaffen des Künstlers über mehr als 40 Jahre hinweg. Diese erste Retrospektive in Europa gibt die Chance, einen Klassiker der Fotografie kennen zu lernen.

Adams, 1937 geboren, ist hierzulande kaum berühmt, auch wenn einzelne Werkkomplexe bereits ausgestellt wurden. In Bottrop war zum Beispiel 2004 sein kompletter Zyklus „The New West“ zu sehen. Aber in den USA ist er ein Star. Und er gewann 2009 den Hasselblad-Preis, der als Nobelpreis der Fotografen gilt. Der Bottroper Museumsdirektor Heinz Liesbrock nennt ihn einen lebenden Klassiker im Bereich der künstlerischen Fotografie. Der unvorbereitete Besucher wird das nicht sofort nachvollziehen können, denn Adams’ Bilder brauchen Zeit. Er arbeitet in Schwarz-Weiß, und seine leisen Kompositionen suchen nicht den spektakulären Moment, die erzählerische Pointe. Selbst wenn er eine brennende Ölquelle fotografiert, dann tut er das aus der Distanz. Man sieht die weite Landschaft, der Himmel nimmt bestimmt drei Viertel der Bildfläche ein. Winzig wirkt die Pumpe. Nur eine gewaltige schwarze Rauchwolke deutet darauf hin, dass hier etwas nicht stimmt.

Adams, so Liesbrock, sei Amerikaner mit jeder Faser seines Lebens. In Bottrop sehen wir zwar auch Bilder, die in Schweden, der Heimat seiner Frau, und in Asien entstanden. Aber vor allem befasst sich der Künstler mit seiner Umgebung. Das ist der amerikanische Westen, wo Adams seit seiner Kindheit lebt. Seine Familie zog 1950 nach Denver, weil der Sohn erkrankt war. Im unberührten Colorado sollte er genesen. Adams entwickelte offensichtlich eine tiefe Beziehung zur Natur, was auch seine fotografische Arbeit bestimmt. Einerseits dokumentiert er in seine Aufnahmen die Schönheit der Landschaft gerade in unscheinbaren Orten. Einfache Wege, ein Feld, ein Flussufer – das sind Motive, die viele Hobbyfotografen als zu gewöhnlich verschmähen würden. Adams erkennt die Würde solch normaler Orte und fängt ihre Reize ein. Eine Serie widmet er Erlenblättern, dann wieder umkreist er eine Pappelgruppe. Da zeigt sich der Fotoästhet, der alle Nuancen der analogen Fotografie ausnutzt und die malerischen Feinheiten der Grautöne zum Vorschein bringt. Adams ist ein Virtuose darin, mit dem vorhandenen Licht umzugehen, Schatten nutzbar zu machen. Er hat auch den Ozean an der Westküste der USA fotografiert, und hinreißend sind die Aufnahmen des bewegten Wassers, auf dem das Licht spielt, jener Kontrast von Glitzern und dunstiger Opakheit.

Zugleich studiert er genau die zerstörerischen Eingriffe der Menschen in die Landschaft. Davon erzählen seine großen Zyklen wie „What We Bought“ (Was wir uns einhandelten, 1973) und „The New West“ (Der neue Westen, 1974), von denen in Bottrop jeweils eine Auswahlstrecke zu sehen ist. In „The New West“ zeigt er die Zersiedelung im Umland von Denver. Neubauten aus Billigmaterialien werden aufgezogen, als wären es Legoklötzchen. Manche Totalen auf die Satellitenstädte haben die Anmutung von Slums. Und die weite, leergefegte Landschaft wirkt wie eine Wüste. In „What We Bought“ zeigt er, wie die Kommerzialisierung den Alltag verändert. Er blickt in einen Schnapsladen voller Angebote für Whiskys – und ein Schild wirkt vieldeutig: „We’re glad you’re here“, Wir sind froh, dass Sie hier sind. Er fotografiert den Müll auf der Wiese vor dem Schnellimbiss, und er verzichtet darauf, die Abfälle hervorzuheben. Er bleibt auch hier leise, sachlich.

Und doch sind seine Porträts der Stümpfe von abgeholzten alten Bäumen Anklagen, ebenso wie die Panoramen von Abholzschneisen, wo einmal Wald war. Zwischen den Bildern findet man seine Kommentare, die belegen, wie reflektiert er arbeitet.

Die Ausstellung ist, ungewöhnlich für das Albers Museum, eine Übernahme, konzipiert von der Kunstgalerie der Yale Universität, die eine umfassende Sammlung von Adams’ Schaffen besitzt. Es ist eine Schau von höchster Qualität, an der der Fotograf mitgewirkt hat. Die einzige Station in Deutschland ist Bottrop. Ein Grund dafür ist auch, dass Adams das Werk von Josef Albers sehr schätzt. Zuvor war die Retrospektive in Madrid, im Centro Reina Sofia zu sehen, im Anschluss geht sie nach Paris, in die Galerie nationale du Jeu de Paume.

Robert Adams: The Place We Live im Josef Albers Museum Bottrop. Bis 29.9., di – sa 11 – 17, so 10 – 17 Uhr,

Tel. 02041/29716,

www.quadrat-bottrop.de,

Katalog (engl.) 19,80 Euro

Quelle: wa.de

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