Der Fotograf Andreas Gursky im Museum Kunstpalast

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Rennstrecke als abstraktes Zeichen: Andreas Gurskys „Bahrain I“ (2005), zu sehen in Düsseldorf.

Von Ralf Stiftel ▪ DÜSSELDORF–Ein Stück Fluss hängt an der Wand. Mehr als drei Meter hoch ist das Foto von Andreas Gursky aus seiner Serie „Bangkok“. Man sieht ein schlieriges Grau, das von zwei vertikalen schwarzen Streifen durchzogen ist. Mit dem zweiten Blick erkennt man die Wasseroberfläche, auf der Lichtreflexe eine Zeichnung schufen. Dann identifiziert man den Müll, der im Fluss treibt: Äste, eine Flasche, Plastikstücke.

Das Foto im Museum Kunstpalast in Düsseldorf wirkt wie ein Gemälde, und das ist durchaus Absicht. Gursky schuf 2011 eine Serie, in der er die Oberfläche des Chao Phraya mit den vielen irritierenden Spiegelungen und dem Treibgut von einem Bootssteg aus fotografierte. Die Bilder wurden am Computer nachbearbeitet. So entstehen die Effekte, die man einer Fotografie nicht zugetraut hätte. „Bangkok II“ ist geprägt von einem Muster gelbgrüner Farben. „Bangkok VIII“ ist überzogen von feinen Linien, als hätte Cy Twombly ins Bild gekritzelt. Die Wirklichkeit wird abstrakt.

Seltsam, dass einer zum internationalen Starfotografen wird, der dem Medium vieles austreibt, was es attraktiv macht. Der erste Blick auf die riesigen Tafeln Gurskys wird oft frustriert. Man erkennt das Motiv nicht sofort, sieht abstrakte Strukturen und muss diese entschlüsseln. Den Erfolg schmälert das nicht. Ein Bild Gurskys erzielte im Herbst 2011 bei Christie‘s in New York fabulöse 4,3 Millionen Dollar, die teuerste Fotografie der Welt. Der 1955 in Leipzig geborene Sohn eines Fotografen hat bei Bernd und Hilla Becher studiert, die mit ihren dokumentarischen Serien zur Architektur berühmt wurden. Er kam in deren Düsseldorfer Klasse mit Vorbildung, einem Studium der visuellen Kommunikation bei Otto Steinert in Essen, dem Hauptvertreter der subjektiven Fotografie der Nachkriegszeit. Er hat sich weit von der Ästhetik der Bechers entfernt. Auch er lehrt inzwischen an der Kunstakademie Düsseldorf, nicht Fotografie, sondern freie Kunst.

Nun präsentiert der Kunstpalast eine Werkschau, zentriert um die neuen Arbeiten der Bangkok-Serie. „Katar“ ist erstmals ausgestellt, eine ganz neue Aufnahme, 3,37 m breit, eine riesige Kammer aus Gold, bedrängende, massive Leere. Es ist ein zum Reinigen geleerter Tank für Flüssiggas auf einem Transportschiff. Aber auch ganz frühe Arbeiten sind ausgestellt, zum Beispiel das Bild eines Gasherds, bei dem alle drei Brenner angezündet sind (1980). Gursky fungierte dabei mit dem Kunstpalast-Direktor Beat Wismer als Kurator, traf die Auswahl von rund 60 Werken und inszenierte sie. Gehängt ist nicht chronologisch oder nach Werkgruppen, sondern eher als Bilderzählung, die sehr unterschiedliche Fotos nebeneinander stellt.

Einfach Fotograf mag er nicht sein, nicht nur, weil er nach eigenem Bekunden seit Mitte der 1990er Jahre jedes Bild am Computer manipuliert. Die Malerei ist schon lange Bezugsgröße für ihn, man sieht es nicht nur an einem Bild, auf dem er im MoMA New York ein Gemälde von Jackson Pollock ablichtete (1997). Die Bildstruktur des abstrakten Expressionisten überträgt er auf einige seiner Fotos, zum Beispiel wenn er in „Ohne Titel III“ (1996) einen Feldweg aufnimmt, nackte, graue Erde, über die sich kleine Steine verteilen, ein komponiertes Zufallsbild.

Malerisch sind ja auch ganz andere Bilder von ihm. Ein früher Klassiker von ihm, „Paris, Montparnasse“ (1993) zeigt panoramaartig einen Wohnblock. Man glaubt, in jedes Fenster jeder Wohnung blicken zu können. Der distanzierte Blick verwandelt das Objekt in ein Raster, eine geometrische Struktur. Gursky gibt dem Betrachter mehr Schaufläche als die Wirklichkeit. Den Formel-1-Parcours in Bahrain (2005) erkennt man erst nach längerem Hinsehen, zunächst scheint ein Maler mit Schwarz ins Sandgelb kunstvolle Ornamente geschrieben zu haben.

In „Pyongyang I“ (2007) fotografiert er eine Massenchoreografie in der nordkoreanischen Diktatur. Nah vor dem Bild erkennt man jeden kostümierten Akteur, in der Distanz ergibt sich ein kitschig-buntes Teppich- oder Tapetenmuster. Diese Instrumentalisierung des Menschen ist zum Gruseln.

Gurskys Bilder sind schon lange keine spontanen Schnappschüsse mehr. Er hat das gemacht, zum Beispiel in „Zürich I“ (1985), dem Blick auf einen Fußballplatz mit Jugendlichen. Inzwischen nimmt er Dinge, die ihn interessieren, mit dem Handy auf. Und kommt, falls diese Bilder seine ersten Eindrücke eines lohnenden Motivs bestätigen, später mit Ausrüstung wieder. Fotografie als großes Kino.

„Meine Bilder sind für die Ewigkeit“, sagt Gursky. Er schickt gleich hinterher, dass nicht alle Bilder das schaffen. „Aber darum geht‘s mir.“ Mit einer ausgeklügelten Fototechnik trotzen seine Werke immerhin dem Sonnenlicht und dem chemischen Verfall.

In Düsseldorf sieht man nun die Waschkaue aus dem Hammer Bergwerk Ost (2008), das Technospektakel May Day in Dortmund (1998), das Konzert von Madonna (2001), das zunächst nur als Menschengewusel erscheint, bis man unten links, ganz scharf, tatsächlich die Sängerin und ihren Gitarristen erblickt.

Andreas Gursky im Museum Kunstpalast, Düsseldorf. 23.9.–13.1.2013, di – so 11 - 18, do bis 21 Uhr.

Tel. 0211/ 899 02 00,

http://www.smkp.de

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 24,80 Euro

Quelle: wa.de

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