Floßfahrt mit Asche: Joe R. Lansdales Roman „Dunkle Gewässer“

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Autor Joe R. Lansdale

May Linn Baxter taucht aus dem Fluss auf, die Hände mit Draht zusammengebunden und ziemlich tot. Ihre beste Freundin Sue Ellen ist Zeugin. Und mit Mühe hält die 16-Jährige ihren Vater und ihren Onkel davon ab, die Leiche einfach wieder ins Wasser zu werfen. So regelt man die Dinge in Osttexas.

Und obwohl hier so offensichtlich ein Gewaltverbrechen vorliegt, macht sich keiner die Mühe, nach einem Täter zu suchen. Nicht einmal Constable Sy Higgins, der vor allem daran denkt, die eigenen Taschen zu füllen. Wie eigentlich jeder in der Gegend.

Ein normaler Krimi wäre mit dieser Strategie schnell beendet. Aber obwohl Joe R. Lansdales Roman „Dunkle Gewässer“ vom Verlag als Krimi bezeichnet wird, sprengt der Autor unbekümmert die Vorgaben des Genres. Wie May Linn zu Tode kam, das erfahren die Leser früh genug. Lansdale kümmert sich erst einmal um die Hinterbliebenen. Sue Ellen lebt in prekären Verhältnissen. Ihr Vater tut wenig: „... er fischte nur und stellte Fallen, um die Pelze zu verkaufen, schoss Eichhörnchen von den Bäumen und gab damit an, als hätte er Tiger erlegt“. Außerdem trinkt er und schlägt seine Frau. Und wenn er nachts in Sue Ellens Zimmer kommt, greift sie sicherheitshalber zu einem Holzscheit. Ihre Mutter betäubt sich mit einem fragwürdigen „Allheilmittel“, einer Mischung aus Laudanum und Alkohol.

Es ist ein erbärmliches Leben voller Armut, Brutalität, Rassismus und verlogener Frömmigkeit. Kein Wunder, dass Sue Ellen und ihre Freunde, der schwule Terry und die afro-amerikanische Jinx, einfach nur raus wollen. May Linns Tod bietet einen Anlass dazu. Wenn die strahlende Dorfschönheit schon nicht zu Lebzeiten nach Hollywood kam, so soll sie die Traumstadt wenigstens posthum erreichen. Die Freunde graben die Leiche aus, verbrennen sie und machen sich mit der Asche auf den Weg.

Mit dabei: Sue Ellens Mutter, die das „Allheilmittel“ abgesetzt hat. Und eine schöne Summe Dollars – die vergrabene Beute von May Linns räuberischem Bruder, der auch schon tot ist.

In der Beschreibung der US-Provinz, wo sie sehr dunkel ist, in der abenteuerlichen Reise, die auf einem geklauten Floß beginnt, und in den Begegnungen mit allerlei skurrilen Menschen, darunter einem im Glauben verunsicherten Prediger und eine vereinsamte und ziemlich unwirsche ältere Dame, erinnert dieser Roman deutlich an ein großes Vorbild, an Mark Twains „Abenteuer des Huckleberry Finn“. Wobei Lansdale die Geschichte mit seinen realistischen Milieu-Schilderungen sehr aufraut. Dummerweise haben einige der fragwürdigen Verwandten mitbekommen, dass die Ausreißer Geld mit sich führen. So hetzen May Linns und Sue Ellens Väter hinter ihnen her, der Constable und der wahnsinnige Killer Skunk, dem angeblich noch kein Opfer entkommenn ist.

Das alles lässt Lansdale seine pubertierende, aber erstaunlich selbstbewusste Heldin erzählen. Die Sprache ist geprägt von trockenem Humor, treffsicheren Bildern und viel Gefühl für die Wildnis. An einer Stelle heißt es, Gefühle kämen „an die Oberfläche wie tote Karpfen in einem Teich“. In einer Gegend, wo sie gern mit Dynamit fischen, ein hinreißendes Bild. - Von Ralf Stiftel

Joe R. Lansdale: Dunkle Gewässer. Deutsch von Hanne Riffel. Tropen Verlag bei KLett Cotta, 320 S., 19,95 Euro

Quelle: wa.de

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