Filmemacherin Karin Kaper über ihre Mutter und deren Vertreibung

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Regisseurin Karin Kaper (rechts) mit den Protagonistinnen ihres Films (von links): Gabriela Matniszewska, Ilse Kaper, Edwarda Zukowska und Hertha Christ (von links). ▪

HAMM ▪ Versöhnung ist gar nicht das Thema. In dem Dokumentarfilm „Und das leben geht weiter“ zeigen die Regisseure Karin Kaper und Dirk Szuszies drei Frauen aus Deutschland und Polen, die Opfer von Flucht und Vertreibung wurden, wobei sich ihre Lebenswege dramatisch kreuzten.

Die Schwestern Ilse und Hertha Queißer wurden mit ihrer Familie im Sommer 1946 aus dem niederschlesischen Niederlinde vertrieben. Ihrem Schicksal wird das der Familie Zukowski aus Ostpolen gegenübergestellt: Edwarda wurde 1940 von der sowjetischen Armee nach Sibirien und später nach Kirgistan verschleppt. 1945 wurde ihr den Hof der Queißers zugesprochen. Ein Jahr lang lebten dort die beiden Familien nebeneinander, bis die Queißers gehen mussten. 1976 besuchte Ilse Kaper, geborene Queißer, erstmals die alte Heimat. Begleitet wurde sie von ihrer Tochter Karin, die 2011 die Dokumentation drehte. Elisabeth Elling sprach mit der Filmemacherin.

Sie haben die Frauen oft draußen gefilmt, auf dem Feld, auf der Apfelwiese, beim Blumenschneiden. Dabei ist Ihr Thema Flucht und Vertreibung.

Kaper: So ist das beim Dokumentarfilm, man weiß vieles nicht vorher. Klar war, dass die zwei Geschichten der Vertreibung erzählen. Aber dass die Frauen dann so viel fachsimpeln, das war nicht geplant. Sie hatten da sofort eine gemeinsame Ebene: Wie das Korn steht, wann geerntet wird – darüber konnte sie stundenlang reden. Dieser Ursprung, den sie haben als Bäuerinnen, das gibt ihnen auch Kraft.

Ist es Zufall, dass Frauen Ihren Film dominieren?

Kaper:Zu der Zeit, 1945/46, waren die Männer im Krieg oder in der Gefangenschaft. Flucht und Vertreibung ist eine Geschichte der Frauen. Die nahmen ihre Kinder, und dann ging‘s los. Auch bei den Zukowskis ist die Geschichte frauenbetont. Und ich glaube – das würde mein Partner Dirk Szuszies auch sagen –, dass Frauen mit diesem Thema anders umgehen können.

Warum?

Kaper: Einfach weil Männer mehr Schwierigkeiten haben, über schmerzhafte Dinge zu sprechen. Natürlich gelingt das auch vielen Frauen nicht. Aber wir haben den Film als Frauensache konzipiert, auch weil es einfach so starke Protagonistinnen sind.

Woher kommt diese Kraft? Ihre Mutter und Tante erzählen in der Tat sehr abgeklärt, wie ihr Vater von der polnischen Miliz misshandelt wurde, oder von den Schreien der vergewaltigten Frauen.

Kaper: Meine Mutter und meine Tante sind ja relativ jung in den Westen gekommen. Für ihre Elten war das wesentlich härter. Meine Tante war 20, meine Mutter 13. Sie haben sich hier ein neues Leben aufgebaut, ihren Mann kennen gelernt, eine Familie gegründet.

Sie haben sich nicht zu Opfern machen lassen. Sie haben die Geschichte durchlebt.

Kaper: Ja, die sind nicht unterzukriegen. Wenn man überlegt: Edwarda war im gleichen Arbeitslager wie Alexander Solschenizyn. Ich frage mich manchmal, ob unsere Generation diese Kraft aufbringen könnte. Wobei man auch sagen muss, dass auch einige dran zerbrochen sind.

War die Geschichte Ihrer Mutter für Sie eine Belastung?

Kaper: Das war nie etwas Fremdes. Meine Mutter hat immer mal etwas erzählt über die Flucht und die Vertreibung. Als ich mit 16 mit ihr in Polen war, war das für mich erst mal nur ein Abenteuer. Aber dann sah ich sie dort herumlaufen, und sie konnte mir jedes Haus, jede Ecke jede Beziehung und jede Familie nennen. Das war ein ganz besonderer Moment in ihrem Leben, und ich war froh, dabei zu sein. Beim Filmpublikum spüre ich oft Ängste und Unwissenheit, weil die Eltern oder Großeltern nur wenig erzählt haben. Darum biete ich stets Filmgespräche an. Die Älteren bewundern dann Ilse und Hertha, dass die sich zu reden trauen. Da geht oft ein Ventil auf, die Leute fangen an zu erzählen, und mit den Jüngeren entspinnt sich ein intensives Gespräch. Das ist wirklich noch ein Stück unaufgearbeitete Geschichte.

Woran liegt das?

Kaper: In der ehemaligen DDR konnte bis in die 1990er Jahre nicht drüber gesprochen werden, da hieß es „Umsiedlung“. Das Wort „Vertreibung“ durfte man nicht in den Mund nehmen. Und im Westen war das Thema in den 60er, 70er Jahren völlig verpönt. Da hat man zu den Eltern gesagt: Ihr Nazis, was erzählt ihr hier. Die haben dann natürlich eher geschwiegen. Und vorher, in den 50er Jahren, mussten sie ja erst einmal sehen, wie sie klar kamen: Arbeit finden, die Kinder durchbringen – da hat man das alles in die Ecke gepackt. Ich appelliere deshalb ans Publikum: Erzählen Sie Ihren Kindern und Enkeln davon! Wenn das nicht geht, weil es so heftig und hart ist, dann schreiben sie es auf! Es ist ja oft so, dass im Alter, wenn Ruhe einkehrt, die Erinnerungen auf einmal hochkommen.

Das gibt es auch im Film.

Kaper: Ja, am Bahnhof zum Beispiel, wo Ilse und Hertha damals in die Züge verfrachtet wurden. Da fängt Hertha auf einmal an zu singen: „Nun ade, Du mein lieb Heimatland...“ Und wie Edwarda ihre Geschichte erzählt, das haben wir nur tonmäßig aufgenommen, nicht mit der Kamera. Da hört man manchmal die Kommentare ihre Enkelin Gabriela, ihre Schluchzer. Sie hörte dort im Wohnzimmer Edwardas Geschichte zum ersten Mal im großen Bogen. Das hatte sie vorher nicht alles gewusst.

Sie haben auch eine polnische Fassung des Films gemacht. Wie sind Ihre Erfahrugen dort?

Kaper: Ganz ähnlich wie in Deutschland. Da ist erst einmal ein großes Interesse daran zu erfahren, was mit den Deutschen im Westen passiert ist, dass das auch nicht unbedingt ein Zuckerschlecken war. Aber dann natürlich auch die eigene Geschichte mit ihren Leuten aus den ehemals polnischen Ostgebieten, die ja auch Vertriebene waren.

Wie ist das Verhältnis der beiden Familien heute?

Kaper: Sie glauben gar nicht, was für eine innige Freundschaft das geworden ist zwischen den Familien. Die wissen jetzt genau übereinander Bescheid, das ist etwas richtig Schönes.

Karin Kaper stellt den Film „Aber das Leben geht weiter“ gemeinsam mit ihrer Mutter auch in der Region vor: Am 26. September in Hamm (Cineplex, 18 Uhr und 20.15 Uhr), am 28. September in Dortmund(Sweetsixteen im Depot). http://www.karinkaper.com.

Quelle: wa.de

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