„Feuerländer“: Oberhausen zeigt Industriemalerei

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Arbeiter bei Kanonenproduktion: „Maschinenhammer, Schmieden und Stahlwerke von Saint-Chamond“ (1889) von Joseph-Fortuné Layraud.

Von Achim Lettmann ▪ OBERHAUSEN–Was ist unsere Arbeit heute noch wert? Bei Kik oder Krupp, auf dem Amt, in der Schule oder beim Frisör?

Stundenlöhne und Bezahlung werden in der globalen Wirtschaft modelliert und sind immer wieder Tagesthema – Konfliktstoff.Die Ausstellung „Feuerländer“, die an zwei Stationen in Oberhausen zu sehen ist, geht ins 18. Jahrhundert zurück. Damals wurde Arbeit gesellschaftlich neu geschätzt und quantifiziert. Friedrich Schiller dichtete in „Das Lied von der Glocke“ (1799) noch zustimmend: „Arbeit ist des Bürgers Zierde.“ Während der Nationalökonom Adam Smith nüchterner vorging: „Arbeit ist Quelle und Maßstab allen Wertes“ schrieb er 1776 in seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“. Und er spielte damit auf den Reichtum an, der mit Arbeitsteilung erzielt wurde und nicht durch Fürstenherrschaft und Monarchie.Wie wichtig Arbeit plötzlich war, zeigt sich in der Kunst jener Jahre, als Arbeitsstätten, Produkte und die Arbeiter selbst gemalt wurden. In Oberhausen geht vor allem der erste Teil der Schau „Feuerländer“ auf die historische Dimension ein. Rund 140 Bilder von 1780 bis 1980 sind im Peter-Behrens-Bau, dem Depotgebäude der Industriemuseen des Landschaftsverbands Rheinland, zu sehen. Im zweiten Teil sind 60 Exponate zeitgenössischer Kunst im LVR-Industriemuseum ausgestellt.Während die Malerei des 16./17. Jahrhunderts frühe Hüttenwerke zur Eisengewinnung ganz betulich ins Landschaftsbild einfasste, entwickelte sich in England das Industriebild. William Williams malte 1780 die erste Eisenbrücke der Welt. Die „Coalbrookedale Bridge“ dominiert einen romantischen Flusslauf und fokussiert auf die rauchenden Schlote einer Industrieanlage. Gern wird in dieser Zeit das Schmiedefeuer und die Ofenglut als naturnahe Kraftquelle wie ein Vulkan dargestellt. Bilder von Paul Anton Skerl (Erzgebirge), Ernst Wilhelm Knippel (Oberschlesien, Polen) und Emil Bott (Pittsburgh, USA) belegen, dass die Hüttenindustrie ein globaler Wirtschaftszweig war, der von Bildbeispielen aus Frankreich, Belgien, dem Ruhrgebiet, den Niederlanden, Spanien und Italien begleitet wurde.Die Ausstellung in Oberhausen unterteilt nicht in Regionen, sondern präsentiert die Industriemalerei als künstlerisches Phänomen dicht und chronologisch. Welche Maler nun mit ihren Werksbildern die Kunstgeschichte bereichert haben, wird in der Doppelschau nicht thematisiert. Es finden sich aber bekannte Namen wie Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Lovis Corinth, Constantin Meunier, Richard Gessner, Thomas Grochowiak...Conrad Felixmüller zählt auch dazu und hat doch eine Sonderrolle, weil der Dresdener in den 20er Jahren eine Reise nach Rom ausschlug und lieber das Ruhrgebiet besuchen wollte. Solche Künstler muss man lieben. Seine spätexpressionistischen Arbeiterbilder aus Essen zeugen mit breitem Pinselstrich und grellen Farben, wie martialisch die Arbeit war und wie empfindsam der 23-jährige Maler in den Augen des Bergmanns die menschliche Sehnsucht spiegelte: „Kohlenarbeiter auf dem Zechenhof“ (1921).Ein Höhepunkt der Ausstellung ist das elf Meter breite Triptychon von Henry Luyten „Arbeitsniederlegung“ (1888- 93). Hier wird die soziale Not der Industriearbeiter bildwürdig und wie einst auf den Altären der Kirchen so dreigeteilt, dass es zu einer erzählten und aufgewerteten Geschichte stilisiert ist. Luyten hatte das Borinage in Belgien 1886/87 besucht, wo Arbeitskämpfe blutig niedergeschlagen wurden. Lebensgroß malte er die Streikenden mit roter Fahne und revolutionärem Schlachtruf („Du Pain, du Pain!“). Eine Familie ohne Vater und erschossene Proletarier flankieren das zentrale Bild der kämpferischen Hoffnung beidseitig.Für Adolph Menzels monumentales Gemälde „Eisenwalzwerk“ (1872-75) wird in Oberhausen die gute Kopie (1957) von Herrmann Kröger gezeigt. Es erinnert an den großen Realisten, der in der Werkshalle ein arbeitendes Kollektiv zeigte, das den glühenden Stahl zog, aber auch beim Schichtwechsel zu sehen ist: Arbeiter waschen sich, trinken und essen. Menzel ergänzt das Historienbild um die Position der Arbeiter, die im repräsentativen Gemälde eigentlich nachgeordnet behandelt werden. So in Joseph-Fortuné Layrauds Bild „Maschinenhammer, Schmieden und Stahlwerke von Saint-Chamond“ (1889), das erstmals in Deutschland zu sehen ist. Hier werden die Arbeiter kommandiert. Der gewaltige Schmiedehammer symbolisiert das dominierende Kapital, und die Auftraggeber, das französische Militär, stehen abseits und beflissen ganz rechts im Bild.Die Ausstellung zeigt unter anderem, wie das Industriebild zur Propaganda im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurden, wie Künstler in den 20er Jahren neue Formen versuchten, und welche Traditionen die Nazis aufgriffen. In der DDR entwickelte sich das „Diskussionsbild“, das gesellschaftliche Ziele der SED-Partei transportierte.

Bis 28. November; di-fr 10 bis 17 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr; Katalog 32 Euro.Feuerkult im Behrensbau: Historische Schau im Peter-Behrens-Gebäude, Essener Str. 80

Brandherde im Kesselhaus: Gegenwartskunst im Industriemuseum, Hansastr. 20. Tel. 02234 / 992 1555 http://www.feuerlaender.lvr.de

Quelle: wa.de

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