Festival Europalia in Belgien blickt nach Indonesien

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Die Skulptur des elefantenköpfigen Ganesh ist in der Indonesien-Ausstellung im Museum La Boverie in Lüttich zu sehen.

LÜTTICH/BRÜSSEL - Dem gemütlichen Ganesh verfällt der Besucher sofort. Die hinduistische Gottheit mit dem Elefantenkopf sitzt wuchtig auf einem steinernen Lotusblatt, vier Arme streckt er in alle Richtungen, in einer hält er seinen abgebrochenen Stoßzahn, in einer anderen eine Axt, und mit dem Rüssel langt er in eine unerschöpfliche Schale mit Süßigkeiten.

Die meisterliche Skulptur entstand im 9. Jahrhundert in Indonesien, im Banon Tempel auf Zentraljava. Nun ist sie im Museum La Boverie in Lüttich zu sehen, in der Ausstellung „Indonesien – Königreiche des Meeres“. Rund 250 exquisite Stücke aus der Sammlung des Nationalmuseums in Jakarta bieten einen Querschnitt durch die Kulturgeschichte des Inselreichs von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Spektakulärstes Schaustück ist der 14 Meter lange Nachbau eines Padewakan, eines traditionellen Bootes, wie es schon vor 1000 Jahren verwendet wurde.

Die Schau ist Teil des belgienweiten Kulturfestivals Europalia. Die Biennale stellt seit 1969 jeweils ein Land vor. Indonesien ist für viele Europäer ein weißer Fleck auf der mentalen Weltkarte. Dabei ist der auf 17 000 Inseln zwischen Indien, China und Australien gelegene Staat der viertgrößte, was die Bevölkerung angeht. Eine aufstrebende Nation an der Schwelle zum Industriestaat, die sich freilich erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Kolonialherrschaft der Niederlande befreite. Im Zentrum des opulenten Festivals stehen drei große Ausstellungen: Die Präsentation in Lüttich und zwei weitere im Bozar in Brüssel.

Die „Königreiche der Meere“ bieten einen guten Einstieg, denn sie thematisieren die besonderen Bedingungen des Landes, eines Vielvölkerstaates, in den immer wieder Zuwanderer, Händler, Missionare kamen. Die See prägte das Land, in dem 1891 Fossile des Java-Menschen entdeckt wurden, eines Vorfahren des Homo sapiens, der vor 1,5 Millionen Jahren lebte. Schon in vorgeschichtlicher Zeit sind hier Migrationseinflüsse nachweisbar. So ist eine Bronzetrommel ausgestellt, wie man sie eigentlich aus der Dong Son Kultur in Vietnam kennt. Nacheinander kamen die Weltreligionen hierher, Hinduismus und Buddhismus mit Händlern aus Indien und China, und vermutlich ab dem 7. Jahrhundert der Islam mit Kaufleuten aus Persien. So bietet die Schau einen instruktiven Querschnitt durch verschiedenste Kulturen. Neben den großartigen Skulpturen von Hindu-Gottheiten und Buddhas findet man goldenen Schmuck und prachtvoll gestaltete Textilien. Aus einer Moschee in Japara stammt eine Steintafel (16. Jh.), auf der kunstvoll das Bildverbot des Islams für Menschen und Tiere umgangen wird. Schaut man genauer auf das Gewirr aus Ranken und Blättern, entdeckt man die Umrisse eines Elefanten. Ein Porzellanteller mit Koranversen wurde im 17. Jahrhundert wohl aus China importiert. Gezeigt werden kostbare Stücke wie die goldene Krone des Sultans von Kutai Kartanegra (19. Jh.) und ein großer Teppich mit eingewebter arabischer Kalligrafie. Bis heute dominiert in Indonesien der Islam in einer relativ toleranten Ausprägung. Völlige Religionsfreiheit gibt es aber nicht, die Bürger müssen sich für Islam, Christentum, Buddhismus, Konfuzianismus oder Hinduismus entscheiden.

Im 16. Jahrhundert begannen dann europäische Mächte, die muslimisch geprägten Königreiche auf den Inseln zu unterwerfen. Auch diese Epoche ist mit prachtvollen Exponaten dokumentiert, zum Beispiel einer Bronze-Kanone, deren Mündung als Drachenkopf gestaltet ist. Und die Künstlerin Titarubi schuf die Installation „History Repeats Itself“, Figuren in goldenen Kutten, die auf Booten stehen.

Auch die Ausstellung „Vorfahren und Rituale“ im Bozar in Brüssel bietet einen Querschnitt durch die vielen Kulturen des Inselreichs von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert. Hier bildet aber die Ahnenverehrung den roten Faden durch die attraktive Schau mit rund 160 Exponaten. Zu den ältesten Stücken zählt ein Sarkophag in Form einer Schildkröte (um 200 v. Chr.) von Bali. Zahlreiche Ahnendarstellungen, oft als Paar aus Mann und Frau gestaltet, zeigen, dass sich trotz der Vorherrschaft von Islam und Christentum die alten Naturreligionen bis ins 20. Jahrhundert behauptet haben. Wie in Lüttich bewegt sich die Ausstellung an der Schnittstelle von Archäologie und Ethnologie, und man findet Objekte von höchster gestalterischer Qualität wie die geschnitzte Ahnenfigur von den Südost-Molukken (1910-1920), die auf geometrische Grundformen extrem abstrahiert ist. Grandios auch die steinerne Skulptur eines Atoni Lilit Tomi, eines Kriegerpriesters, aus Timor mit seinen reduzierten, feinen Zügen. Ein Paar hölzerner Ahnenfiguren aus Nord-Sumatra trägt aufwendige Kopfputze aus Stoff und Haar. Die Ahnenverehrung funktionierte aber auch über die Projektion: Lebensgroße Steinreliefs von Harihara und Parvati (14./15. Jh.) sind Porträts von Herrschern in der Rolle von hinduistischen Gottheiten. Und zwei Korware zeigen Beispiele von Ahnenverehrung in Papua, menschliche Schädel sind in kunstvoll geschnitzte Holzskulpturen eingesetzt.

Die Gegenwart beleuchtet schließlich die Kunstausstellung „Power & Other Things“ ebenfalls im Bozar. Der Titel ist ein Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung, die der erste Präsident Indonesiens, Sukarno, 1945 mit seinem Stellvertreter Mohammad Hatta formulierte. Darin beanspruchen sie „Macht und andere Dinge“ für ihr Volk. Die Wurzeln der modernen indonesischen Kunst liegen in der Kolonialzeit, zum Beispiel bei Raden Saleh (1811-1880), einem javanischen Prinzen, der in Europa Kunst studierte und später unter anderem mit Bildern von Vulkanen berühmt wurde. Der niederländische Jugendstilmaler Jan Toorop (1858-1928) wurde auf Java geboren, in Brüssel sind einige Bilder mit Szenen aus der Kolonie zu sehen.

Vor allem aber sind Werke zeitgenössischer Künstler ausgestellt, die zum Teil eigens für die Ausstellung geschaffen wurden. Timoteus Anggawan Kusno schuf eine große Rauminstallation über die Zeremonie des „Rampok Macan“, einen rituellen Kampf zwischen einem Tiger und einem Büffel. Er macht daraus einen vielschichtigen Kommentar über den Kolonialismus, über Fremdheit und Identität, mit Zitaten historischer Malereien und modernen Skulpturen wie einem Kolonialherren mit Totenkopf. Und FX Harsono arbeitet das Schicksal der chinesischen Minderheit auf. Besonders nach dem Putsch von 1965 fielen viele chinesischstämmige Indonesier den Kommunistenverfolgungen unter der Herrschaft des Generals Suharto zum Opfer, Tausende wurden in Lager im Dschungel auf Papua deportiert. FX Harsono schuf Abriebe von Grabsteinen, die mit einer großen Videoinstallation präsentiert werden.

Die Europalia wurde 1969 gegründet, um das Gemeinschaftsgefühl unter den Mitgliedsstaaten der EU zu fördern. Anfangs stellten sich im Zweijahresrhythmus die Mitgliedsstaaten vor. Mittlerweile aber waren schon China, Brasilien und zuletzt 2015 die Türkei Thema. In diesem Jahr widmet sich das Festival mit Theater, Literatur, Kino und Ausstellungen Indonesien.

Archipel: La Boverie, Lüttich. Bis 21.1.2018, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0032/ 4/ 238 55 01, www.laboverie.com, Katalog (engl., nl., frz.) 38 Euro

Ancestors & Rituals bis 14.1., Katalog (engl., nl., frz.) 38 Euro,

Power & Other Things, bis 28.1., Katalog 28 Euro,

beide Bozar, Brüssel, di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0032/ 2/ 507 82 00, www.bozar.be

www.europalia.eu

Quelle: wa.de

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