Ferdinand Kriwet: „Yester‘n‘Today“ in der Kunsthalle Düsseldorf

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Ferdinand Kriwets „Neon Text“ (1973) ist in Düsseldorf zu sehen. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Die Buchstaben rauschen auf dem weißen Papier. Sie flimmern in den Augen wie das Bild auf der Mattscheibe eines alten, kaputten Fernsehers. Manchmal flackert ein Wort oder ein Satz auf, mühsam kann man ihn entziffern, bevor er wieder im Text-Durcheinander verschwindet: Eine Din-A4-Seite, der „lesebogen 5“, wurde von Ferdinand Kriwet 1960 dicht mit einer Schreibmaschine beschrieben – ein kaum entzifferbarer Wortwust mit unregelmäßigen Lücken. Doch wer ganz genau hinschaut, wird mit hintersinnigem Witz belohnt: „Ein Wort wäscht das andere“ steht dort in kleinen Buchstaben getippt.

Mit Arbeiten wie dieser übersetzte Kriwet vor 50 Jahren das große Rauschen der Massenmedien: Die Geräusche und Spuren, die Radio und Fernsehen damals neben den gedruckten Texten im Alltag hinterließen. Für solche Arbeiten wird er heute als „Pionier der Medienkunst“ gefeiert; „im Zeitalter des Internets“ sei sein Werk „aktueller denn je“ schreibt die Kunsthalle Düsseldorf. Das Haus widmet dem gebürtigen Düsseldorfer nun eine große Einzelausstellung: „Yester‘n‘Today“.

Tatsächlich zählt Kriwet, Jahrgang 1942, zu den prominentesten Vertretern der „Konkreten Poesie“: Nachdem er als Jugendlicher bereits einige Gedichte veröffentlicht hatte, interessierte er sich in den 1960er Jahren nicht nur für die inhaltliche Bedeutung, sondern auch für die ästhetische Wirkung der Buchstaben und Worte: Sprache als Seh-Erfahrung.

Der Kinosaal der Kunsthalle ist ein Monument dieser Kraft und saugt den Betrachter in sich auf: Ein schwarz-weißes Sprachband („Walk Talk“) auf dem Boden zieht in den Raum, die Wände sind mit unzähligen Fotografieren berühmter Werbeschriftzüge („Coca Cola“) tapeziert, von der Decke hängen Kriwets berühmte transparente Rundscheiben mit ihren unendlichen Wortkreisen. Als „Trainingsprogramm für die Schärfung der Sinne“ wurden seine Werke bezeichnet.

Mit Wucht und einer fast erschlagenden Vielfalt dekliniert der Autodidakt und Documenta-Teilnehmer in der Installation die Ästhetik des Gedruckten durch: Die ikonenhaften, mittlerweile altmodisch wirkenden Werbetafeln, der Text als Code, der ständig dechiffriert werden muss, die einfache Schönheit der aufgeblasenen Buchstaben. Das Wort ist nicht allein das Medium einer Aussage, sondern für sich genommen bereits die Aussage, führt der gebürtige Düsseldorfer so ganz praktisch vor.

Ergänzt wird dieses bunte Wort-Kunst-Universum durch einige Hörstationen und Filme, darunter auch die berühmte Radio-Collage „Voices of America“ (1970), die Schnipsel aus Politiker-Reden, Baseball-Kommentaren und Werbeshows aufeinanderprallen lässt. Dass Kriwet Radiobeiträge mit Strichen und Kurven als Diagramm auf Papier darstellt, ist nur die logische Konsequenz seiner Wort-Forschung.

Viele Werke wirken seltsam bekannt und doch wie Relikte aus einer lange vergangenen Zeit. Mehr als 20 Jahre hatte sich Kriwet aus der Kunstszene zurückgezogen. Doch mit seinen Werken in einigen Universitäten, Berufskollegs und anderen öffentlichen Gebäuden wie dem NRW-Landtag blieb er im Bewusstsein verankert. Und das „Manifest zur Umstrukturierung des Ruhrreviers zum Kunstwerk“ beweist unabhängig von vollmundigen Lobpreisungen, dass Kriwet tatsächlich ein Pionier und vielleicht sogar ein Prophet ist: „Stillgelegte Zechen werden zu Vergnügungslabyrinthen“, schrieb er darin 1968.

Wie es der Titel der Ausstellung, „Yester‘n‘Today“, andeutet, so zeigt die Kunsthalle auch einige aktuelle Arbeiten. Zurückhaltend und elegant in Grautönen gehalten, erscheinen die Buchstaben nun als wechselnde Projektionen auf transparenten Leinwänden. Sie tanzen ganz sachte und unaufdringlich um den Betrachter.

Ferdinand Kriwet: Yester‘n‘Today. Kunsthalle Düsseldorf, bis 1. Mai. Di bis So, 11 bis 18 Uhr, Katalog 35 Euro, Telefon: 0211/8996243, http://www.kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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