Felix Nussbaum aus der Sammlung Schlenke auf Schloss Cappenberg

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Felix Nussbaum malte „Netzflicker in einer Straße in Ostende“ 1928, zu sehen auf Schloss Cappenberg. ▪

Von Marion Gay ▪ SELM–Die Katzenfigur duckt sich im Dunklen, ihre großen Augen sehen alles. Daneben ein schwarzer Krug, kahle Äste, die Uhr zeigt Mitternacht. Ein Trockentuch flattert im Wind. Im Bild „Stillleben mit Katze“ (1940) erzählen Alltagsdinge vom Schrecken.

Unter dem Titel „Felix Nussbaum im Spiegel seiner Zeit“ präsentiert das Museum Schloss Cappenberg in Selm rund 140 Werke aus der Privatsammlung Irmgard und Hubert Schlenke. Zusätzlich sind 20 Leihgaben aus dem Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zu sehen.

Es ist das zweite Mal, dass die Schlenkes ihre Sammlung verleihen, erstmalig 2010 für die Ausstellung „Kunst im Widerstreit“ im Kunstmuseum Ahlen. Diesmal bildet das Werk Nussbaums mit rund 50 Gemälden den Schwerpunkt der beeindruckenden Schau, die mit Bildern von Peter August Böckstiegel, Otto Möller oder Rudolf Levy und mit Skulpturen von Emy Roeder ergänzt wird, die ebenfalls zur „Verschollenen Generation“ in die Kunstgeschichte zählen. Viele der Bilder werden erstmalig öffentlich gezeigt.

Nussbaum wurde 1904 als Sohn einer kunstsinnigen jüdischen Familie in Osnabrück geboren. Nach dem Kunststudium in Hamburg und Berlin eröffnete er 1928 mit seiner späteren Ehefrau Felka Platek, die auch jüdischer Abstammung war, ein Atelier in Berlin. Die Bilder des Frühwerks bestechen in ihrer intensiven Farbigkeit und klaren Formensprache. „Stillleben mit Wäschekorb“ (1927) zeigt einen Korb auf rotem Boden vor blauer Wand, daraus schlängelt sich eine Männerunterhose. Nussbaum trägt die Ölfarben so pastos auf, dass sich die Struktur des Weidenkorbes reliefartig von der Leinwand hebt.

Berührend die Straßenszene „Netzflicker in einer Straße in Ostende“ (1928): Die Stühle der beiden Männer stehen dicht an der Bordsteinkante, man meint, im nächsten Moment rutschten sie auf die Straße. Die vereinfachten Gesichter und Körper drücken vollste Konzentration aus. Ein Stück weiter hat ein Arbeiter seinen Stuhl verlassen. Vielleicht ist er in die Bar gegangen? Dieses Bild war das erste Werk Nussbaums, das Schlenke zu Beginn der 80er Jahre ersteigerte. Aufmerksam geworden war er auf den bis dahin nahezu vergessenen Künstler durch das Buch „Kunst der verschollenen Generation“ des Kunsthistorikers Rainer Zimmermann.

Nussbaum war ein Bewunderer von van Gogh. Bilder wie „Straßencafé in Ostende“ (1928) erinnern an dessen Werk, wenn auch die Häuser grauer sind, die Männer müde wirken.

1932 wurde Nussbaum für das Gemälde „Der tolle Pariser Platz“ mit einem Stipendium der Villa Massimo in Rom ausgezeichnet. Als er im Jahr darauf mit Felka nach Berlin zurückkehren wollte, hatten ihm die Nationalsozialisten den Heimweg abgeschnitten, sein Atelier war in Brand gesetzt worden, rund 120 Bilder gingen verloren. Jahre der Flucht durch Italien, Frankreich, Holland und schließlich das Exil in Brüssel lagen vor ihm.

Wie ein Seismograph zeichnet Nussbaum in seinen Bildern unermüdlich den Zeitgeist und die Stimmungen auf. „Mann mit Blume“ (1938) entstand nach der Reichsprogromnacht. Ein Mann in Unterhose, ein Künstler?, öffnet überrascht die Tür, hinter ihm erkennt man den Schatten eines Mannes im langen Mantel. Bedrückend auch „Der Flüchtling I“ (1939), das einen verzweifelten Mann vor dem Globus zeigt. Vor der Tür nur kahle Bäume und Krähen. Im Juni 1944 werden Nussbaum und seine Frau in Brüssel verhaftet, am 31. Juli mit dem letzten Transport nach Auschwitz gebracht und ermordet.

Eröffnung, Sonntag, 21. Oktober, 11.30 Uhr; bis 7. April; di-so 10 bis 17 Uhr; Tel. 023 06 / 71170

Quelle: wa.de

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