Felicia Zellers „Kaspar Häuser Meer“ am Schauspiel Wuppertal

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Unzufrieden mit den Kolleginnen: An Kuohn (Mitte) mit Julia Wolff (links) und Anne-Catherine Studer in der Inszenierung „Kaspar Häuser Meer“ in Wuppertal. ▪

Von Achim Lettmann ▪ WUPPERTAL–Rot, Grün, Gelb – die Damen vom Amt sehen fesch aus. Ton in Ton sind sie gekleidet, und jede macht das beste aus ihrem Typ. Aber der Schwung, der am Wuppertaler Schauspielhaus aufgebaut wird, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Aufgaben des Jugendamts dramatisch sind: besoffene Väter, ignorante Mütter, missbrauchte Kinder. Immer wieder ist in Zeitungen zu lesen, dass Lisa, Kevin und Co. noch leben könnten, wenn das Jugendamt seine Pflicht erfüllt hätte.

Felicia Zeller thematisiert die Lebenswelt jener Menschen, die nicht mehr ihrer Pflicht nachkommen können. Die Dramatikerin schrieb „Kaspar Häuser Meer“ (2007) als Bestandsaufnahme und Gesellschaftsanklage zugleich. Der Fürsorgestaat lässt die Sozialsysteme schleifen. Unter Druck geraten auch die Frauen vom Amt.

In Wuppertal stimmt Katrin Lindner einen nachdenklichen Prolog an. Im Neo-Darwinismus unser Zeit, in der jeder alles tut, um sich Vorteile zu verschaffen, wird das Mitgefühl als Schwachstelle eingekreist. Danach nimmt die Inszenierung Tempo auf und überdreht. Silvia nervt die jährliche Statistik, wer arbeitet wie lange, was kommt dabei heraus? Anika wehrt sich gegen Dutzende von Fällen. Barbara will die Aufgaben von Björn verteilen, der krank geworden ist und nun für noch mehr Arbeit sorgt: „Björn-Out“ heißt das in der flackernden Sprache von Felicia Zellers. Sarkasmus hilft über manche Stress-Anomalie hinweg. Und zu poppiger Musik haben die Damen ihre Auftritte. Hier werden Unterhaltungsschemata als Formen der Selbstbehauptung bemüht. Es bleibt der Dauerdruck: Wir müssen jedem Hinweis nachgehen! Auch wenn ein Nörgler anruft, wie Herr Scheibenmeyer, der eine kubanische Familie diskreditieren will. Und das wird wie im Kabarett gespielt, schnell und mit dem Gestus: Ihr kennt doch solche Kerle.

Silvia liegt kopfüber und liest. Julia Wolff spielt die Überforderte, die eine Kinderleiche bergen muss und das Trauma nicht los wird. Dagegen träumt Barbara vom Urlaub ohne Menschen. An Kuohn ist die Erfahrene im Team, die ihr Figurenprofil sehenswert ausdifferenziert. Und Anika muss noch zum Kindergarten, ihre Tochter abholen. Anne-Catherine Studer gibt die Jüngste und bringt von der Uni Ansprüche mit, denen sie selbst nicht genügt. Alle drei sind sehr präsent auf der Bühne, die aus nur zwei schwarzen Podestblöcken besteht. Sie rekeln sich darauf und davor, bilden Standfiguren, kauern hier, behaupten sich dort. Katrin Lindner macht aus den Damen vom Amt „Revuegirls“ im Bistro-Format. Leider ist die Pose sehr weit vom Kern der sozialen Problematik entfernt. Der szenische Aufriss der Sozialspannungen wirkt wie eine Nummernfolge, vorgespielt, um vorzuspielen. Vielleicht berühren solche Momente nicht, weil Zellers Stück zuviel will. Mobbing, Ärger mit dem Chef, Alkoholismus im Beruf, Selbstzweifel, Talkshow-TV, Mutterprobleme, Sozialhilfeempfänger, die pöbeln. Immerhin ist „Kaspar Häuser Meer“ das meistgespielte Stück deutscher Gegenwartsliteratur.

Zum Ende stimmt Regisseurin Katrin Lindner leisere Töne an, nimmt Tempo raus, um auf Silvias Tragödie zu fokussieren. Das berührt, und erinnert, wie ein Drama funktioniert und wirkt.

4., 6., 20. März;

Tel. 0202 / 5 69 44 44,

http://www.wuppertaler-buehnen.de

Quelle: wa.de

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