Felicia Zellers „Gespräche mit Astronauten“ beim Festival „Stücke“ in Mülheim

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Szene aus „Gespräche mit Astronauten“ mit Isabelle Barth, Thorsten Danner und Ines Schiller (von links). ▪

Von Annette Kiehl ▪ MÜLHEIM–Die Brigade der Au Pairs lernt „Knautsch“: Er putzt, sie putzt, es putzt, wir putzen. Oder – da kann doch etwas nicht stimmen? Denn „er“ putzt hier ganz sicher nicht. „Er“ ist in Felicia Zellers Stück „Gespräche mit Astronauten“ ein Raumfahrer im silbern glänzenden Anzug und schwebt meist wortlos über einer Herde von Kuscheltieren. Unten auf der Erde geht es um Raumpflege statt Raumfahrt: Gegängelt von überforderten Müttern und verzogenen Kindern ersetzen die Au-Pair-Mädchen Olanka, Olga, Irina und Mascha den abwesenden Vater an der Haushaltsfront.

Mit diesen so witzigen wie kritischen Szenen, inszeniert am Nationaltheater Mannheim, eröffneten die 36. Mülheimer Theatertage „Stücke“. Sieben Dramatiker konkurrieren um den Preis für das beste neue deutschsprachige Stück; die meisten von ihnen sind bereits gut bekannt: Neben Zeller waren Fritz Kater („we are blood“), Elfriede Jelinek („Winterreise“) und Lutz Hübner („Die Firma dankt“) bereits mehrfach im Wettbewerb vertreten. Erstmalig treten Kevin Rittberger mit dem Stück „Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung“, Oliver Kluck („Warteraum Zukunft“) und das Autorenduo Nurkan Erpulat und Jens Hillje an. Ihr Ruhrtriennale-Beitrag „Verrücktes Blut“ gilt bereits als eines der besten Stücke der Saison.

Ein dominierendes Thema der „Stücke“ ist die Arbeitswelt, und Felicia Zellers ironische Komödie seziert eine Grauzone. Die Au Pairs reisen mit Karriereplänen und Konsumwünschen ein und treffen auf gestresste Mütter, die bedingungslose Anpassung fordern: Müll trennen, Küchenrollenpapier sparen und bloß keine Sahne in den Karottenbrei!

Felicia Zeller formt aus diesem Konfliktstoff einen Text, der an ein Musikstück erinnert: mit schnellen und langsamen, stillen und schrägen Passagen, Chören und entlarvenden Wortspielen, die sich bis ins Absurde auftürmen: Deutschland heißt hier „Knautschland“ und die Mädchen stammen aus der „Schlamparei“, der „Ukulele“ und der „Mogelei“. Mit dieser Wortenergie und ihrer spitzen Kritik erinnert die 40-jährige Autorin an die dreimalige „Stücke“-Siegerin Elfriede Jelinek, ohne aber im Text so offensiv politisch zu werden wie die Nobelpreis-Trägerin .

Das Ensemble des Nationaltheaters Mannheim wird in „Gespräche mit Astronauten“ zum Orchester. Regisseur Burkhard C. Kosminski und Dramaturgin Katharina Blumenthal haben Zellers Textfläche zu vier unterschiedlichen Familiensituationen geformt. Die fünf Schauspieler springen nahtlos zwischen den Rollen hin und her: Von der Managerin Gabriele Fummel und ihrer verschwenderischen Hilfskraft Mascha aus „Rostland“ bis zur Wissenschaftlerin Helga mit Söhnen Ludwig und Leander. Bei allem hysterischen Witz, den diese Konstellationen versprühen, lässt das Ensemble stets auch die Persönlichkeit und Geschichte der Figuren spüren.

Bis 7.6., Tel. 0208 / 455 41 14, http://www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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