Fazil Say spielt in Dortmund „Gezi Park“

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Der Istanbuler Komponist und Pianist Fazil Say.

Von Edda Breski DORTMUND -  Es gibt nicht viele Künstler, die sich trauen, so ausgesprochen politisch zu sein wie Fazil Say. Es steht auch viel auf dem Spiel: das Wohlwollen von Politikern und Geldgebern, vielleicht noch stärker die Zuneigung der Zuhörer, unter denen sich, gerade in der Klassik, viele befinden, die meinen, Kunst solle sich vom Alltäglichen fernhalten.

Mit Fazil Say ist das nicht zu machen. Nach den Protesten um die geplante Bebauung des Gezi-Parks in Istanbul mit einem Einkaufszentrum 2013 hat er die Vorgänge musikalisch bearbeitet. Entstanden sind drei Musikstücke. Im Konzerthaus Dortmund spielte er das zweite in der Fassung für Solo-Klavier und hob damit türkische Innenpolitik auf die Agenda des Publikums. Belohnt wurde er mit starkem Applaus.

„Gezi Park II“ ist tonal mächtig, bildhaft in der Thematik und in seiner Direktheit ansprechend. Da schreibt einer über Dinge, die ihm am Herzen liegen, und teilt sie mit seinem Publikum. Die Elemente kennt man: die Akkordschläge mit niedergehaltenen Saiten, die als Thema dienen und den Klang der türkischen Laute Saz nachahmen – sie sind das markante Element in Says Stück „Schwarze Erde“ von 1997. Aus den Saz-Schlägen entsteht ein treibender, maschinenhafter Rhythmus, der sich durch „Gezi Park II“ zieht, mal aufpeitschend, mal bedrohlich. Diese Technik ist ebenso typisch Say wie die plötzliche Verdichtung des Rhythmus und des bis dahin einfachen melodischen Materials zu einem Cluster. Die Melodie aus „Schwarze Erde“ taucht auf – es geht um Naturzerstörung, das macht Say so deutlich, als hielte er eine feurige Rede. Der erste Teil, der vom Widerstand gegen Erdogans Polizei erzählt, bekommt zum Ende etwas von expressionistischer Filmmusik, zeichnet schräge Fassaden, Straßen in Schwarz-Weiß, körnige Aufnahmen.

Auf einen melodischen zweiten Teil – damit erinnert Say an den Einsatz von Gas gegen die Demonstranten – folgen Klage und Protest: Say gedenkt eines Vierzehnjährigen, der während der Widerstände verletzt wurde. Der Junge lag neun Monate im Koma und starb. Später wurde er als Terrorist verleumdet. Say steigert seine Melodie zur Emphase und beendet sie mit harten Schlägen. Der letzte Teil – es geht um Hoffnung – hat viel mit Jazz gemein. Say nimmt seinen alten Rhythmus wieder auf, figuriert ihn, jagt schräge Harmonien darüber hinweg. Das Stück endet mit Hochdruckmusik. „Gezi-Park II“ ist opus Nummer 52 von Say. Die Werkzahl 49 trägt Says Beitrag zum Wagnerjahr 2013. Er stellt „Nietzsche und Wagner“ gegenüber: den Philosophen als altlehrmeisterliche Basslinie, den Musiker als Klangmagier mit fließenden Läufen und Zitaten aus dem „Tristan“. Das wirkt wie eine Kopie seiner Methoden, längst nicht so beredt wie „Gezi Park“ oder „Schwarze Erde“. Gegen Ende spielt Say kleinere Werke, darunter eine Klavierfassung von Material aus einem Bühnenwerk über den Schriftsteller Sait Faik. Hier spannt Say eine weite Melodie, so prächtig und sehnsüchtig, dass man sie sich wunderbar als Filmmusik vorstellen kann.

Seinen Werken vorangestellt hatte Say zwei Mozart-Sonaten, strukturiert durch eigenwillige Behandlung des Rhythmus und individuellen Ausdruck. Was ihn als Komponisten auszeichnet – Verdichtung und Variation –, prägt auch sein Spiel, das zugegebenerweise nicht unbedingt etwas für die Hüter der reinen Lehre ist.

Quelle: wa.de

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