Fazil Say spielt Chopin im Konzerthaus Dortmund

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Der Pianist Fazil Say

Von Edda Breski -  DORTMUND Vor dem Konzert hat Fazil Say seine Meinung noch einmal geändert: Es soll doch nicht nur Frédéric Chopin sein. Lieber wärmt er das Publikum im Konzerthaus Dortmund mit Mozarts zehnter Klaviersonate auf, bevor es ans Eingemachte geht: die zweite Klaviersonate von Chopin, Nocturnes, die Berceuse.

Say hat bisher noch keinen Chopin eingespielt, und wenn man ihn in Dortmund die Sonate mit dem berühmten Trauermarsch hat spielen hören, kann man sich denken, warum nicht: Say und Chopin sagen einander manchmal noch Sie. Der Grund wird im Kontrast zwischen der Mozart- und der Chopin-Sonate deutlich: Say betrachtet einen Notentext als Vorgabe, der er in seinem eigenen Sinne treu bleibt. Im Falle der C-Dur-Sonate korrespondiert er mit einem lieben Bekannten. Der erste Satz ist sonnig, scheinbar erratisch und aus reiner Freude an der Musik, mit klappernden Schuhspitzen und fliegenden Händen über dem Klavier getanzt, und natürlich singt Say mit, sowie er in der Musik angekommen ist. Dafür kennt man ihn in Dortmund, wo er fünf Jahre Residenzkünstler war, und im Publikum lächeln viele verständnisvoll. Aber Say ist kein Lufttänzer. Das Thema zeichnet er klar, völlig schnörkellos, die Phrasierung in der Durchführung wirkt spontan und zugleich jederzeit logisch, im Dienst der musikalischen Beredsamkeit. Say behandelt Musik wie ein Wesen, das unter seinen Fingern zum Leben erwacht und vom ersten Moment an einer eigenen, immanenten Logik folgt, einer durch dramatische Ausschmückungen betonten Geradlinigkeit. Wenn er im zweiten Satz die markante aufsteigende Akkordfolge wie einen dunklen Keil in die innige Stimmung schiebt, ist das zutiefst subjektiv und zugleich behutsam und von großer Einsicht getragen.

Den Kopfsatz der Chopinsonate drängt er zusammen, da stürmt er hinein, da lebt er lustvoll das Drama aus. Das Anfangsmotiv stürzt aus ihm heraus, etwas später schleicht sich, nur für ein paar Takte, eine gewisse ironische Distanz ein. Das Scherzo wabert, da macht er in der Musik den Affektstau aus, verliert aber die Klarheit. Nur die mittlere Passage entwölkt er behutsam, als sage er jetzt das Eigentliche, das sonst unter dem Stürmen und dem Drängen verborgen liegt. Drei der vier Sätze klingen so geballt, dass sie drohen, ins Wolkige abzudriften.

Anders der Trauermarsch: Say spielt ihn fast zögernd, melancholisch bis zur Kraftlosigkeit, das Des-Dur-Trio ist nur ein stockendes Weitertasten.

Die Nocturnes durchforstet er nach emotionalen Ambivalenzen, nach Melancholie, die ins Skurrile tendiert, wie in Opus 37 Nr. 1: Da gehen die Figurierungen miteinander auf Rutschpartie. Im fis-Moll-Nocturne opus 48 verblassen die Figurationen im Hauptmotiv, werden fahl und entgleiten leicht dem harmonischen Korsett, Say spielt das als lebendige Metamorphose. Oder die drei abschließenden Läufe im cis-moll-Nocturne: Der dritte bebt wie ein Nachgedanke, der vorsichtig zu Ende geführt werden muss. Say behandelt die Nocturnes wie seltene, zerbrechliche Wesen, aber er kann sich auch hier verzetteln: so im H-Dur-Nocturne, das wolkig zerfasert. Die Berceuse ist eine große Verwandte der nächtlichen Miniaturen, Say verankert sie über den Rhythmus vorsichtig zwischen Luft und Erde.

Danach darf es noch mal das große Gefühl sein: Die erste Zugabe ist Liszts Klaviertranskription des „Liebestods“, in der Say ausgiebig die emotionale Fieberkurve nachfährt. Danach spielt er mit Material aus seiner eigenen Komposition „Black Earth“, auch die in Dortmund ein gern erinnerter Gast.

Quelle: wa.de

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