„Farbe für die Republik“: Ausstellung von Auftragsfotografien aus der DDR

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Die moderne Frau sitzt am Steuer: Martin Schmidt fotografierte die „Traktoristin“ um 1965, zu sehen in Berlin.

Von Klaus Grimberg BERLIN - Junge Pioniere, die bei einem Treffen in Karl-Marx-Stadt mit ihrer Gruppenleiterin ausgelassen an einem Verkehrschild herumtoben. Andere Jungen und Mädchen, die in ebenso blütenweißer Pinoierkluft andächtig dem Vortrag eines verdienten Genossen lauschen. Oder eine Gruppe von „wissbegierigen Naturforschern“, die während des Ferienlagers mit Fernglas, Kamera und dem obligatorischen Halstuch eine Exkursion durch Wald und Feld unternehmen. Die fröhlich-bunten Fotos von Martin Schmidt zeigen artige und aufgeschlossene Kinder, die ganz im Sinne der SED-Ideologie zu vollwertigen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft heranwachsen.

Der Journalist Christoph Diekmann, als Pfarrerssohn im anhaltinischen Sangerhausen aufgewachsen, sieht in diesen Kindern eine idealisierte „Wunsch-Jugend“, wie er im Gastkommentar zu den Bildern schreibt. „Frohsinniger Kollektivismus waltet, widerspruchsbereinigt, adrett.“

Für die Ausstellung „Farbe für die Republik“ hat das Deutsche Historische Museum in Berlin zwei besondere Nachlässe aus seinen Beständen gesichtet. Die Fotografen Martin Schmidt (geboren 1925) und Kurt Schwarzer (1927–2012) arbeiteten in der DDR als freiberufliche Bildreporter, oft im Auftrag für die ostdeutschen Publikumsmagazine. Gemeinsam mit schreibenden Journalisten besuchten sie volkseigene Betriebe und landwirtschaftliche Genossenschaften, portraitierten gesellschaftliche Gruppen, zeichneten das Bild eines aufstrebenden, modernen Landes. Die Farbe hatte dabei eine bewusst eingesetzte Funktion: Sie sollte die Betrachter von den wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften überzeugen, sie sollte begeistern und emotionalisieren.

Die optimistisch und zukunftsweisend inszenierte Alltäglichkeit wird durch die Gastkommentare von Dieckmann, Wolfgang Thierse und einer Reihe von Historikern analytisch in Frage gestellt. Erst daraus bezieht die Ausstellung ihre besondere Wirkung. Denn der schöne Schein eines funktionierenden Gemeinwesens, mit dem sich ausnahmslos alle identifizieren, verliert dadurch rasch seinen Glanz. Bisweilen sind es Details auf den ansonsten sorgsam eingerichteten Aufnahmen, die Zweifel aufkommen lassen: Wenn etwa die beiden afrikanischen Gastarbeiterinnen bei der Besprechung eines Kollektivs ziemlich gelangweilt schauen. Meist aber sind es gerade die Dinge, die auf den Bildern nicht zu sehen sind, die Misstrauen wecken. Die ganze DDR eine Sinfonie in Bunt? Wo doch in der gelebten Wirklichkeit eher das Grau vorherrschte?

Gewiss: Schmidt und Schwarzer, beide Autodidakten, beherrschten ihr Handwerk. Sie wussten ihre Protagonisten in Szene zu setzen, ihre Bilder zu komponieren und hervorstechende Farbakzente zu setzen. Aber natürlich wussten sie auch, was sie nicht fotografieren konnten oder durften. Marode Betriebe oder Infrastruktur, Menschen, die nicht dem Vorbild des sozialistischen Staatsbürgers entsprachen, Stadt- oder Umweltzerstörung. Ihre Fotos sollten keine Fragen aufwerfen, sondern Antworten geben. Widerspruch kommt in ihnen nicht vor, nur begeisterte Zustimmung.

Natürlich wirken Werbe- und Modefotografien aus der frühen Bundesrepublik der 1950er und 1960er mit ihren scheinbar grenzenlosen Verheißungen ganz ähnlich. Doch wurde die heile Welt der grellbunten Wirtschaftswunderjahre spätestens Ende der 60er durch die gesellschaftlichen Konflikte immer stärker gebrochen. Es setzte sich – gerade im Fotojournalismus – ein kritischer Realismus durch, dessen Blick auch hinter die Fassade geht. In der DDR aber galt uneingeschränkt weiter, was bereits Mitte der 60er im „Handbuch für Journalisten“ formuliert wurde: „Auch der Bildreporter muss seine Arbeit als Funktionär der Partei betrachten.“

So führt diese Ausstellung auch das zwangsläufige Scheitern der DDR vor Augen. Denn der auf den Fotos dargestellte Elan in der sozialistischen Idylle hielt dem Alltag immer weniger stand. Über die bunten Versprechen auf den Fotos konnten sich viele Menschen in der DDR am Ende nicht einmal mehr aufregen. Weil sie so offensichtlich der Realität widersprachen, dass man sie nur noch belächeln konnte.

Bis 31. 8., tägl. 10-18 Uhr, Tel. 030/ 20 30 44 44; www.dhm.de, Begleitband 29,99 Euro

Quelle: wa.de

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