Falladas „Kleiner Mann“ ist herausragend

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Zwei, über die die Zeit hinweg geht: Henrike Johanna Jörissen und Nico Holonics spielen in „Kleiner Mann, was nun“

Von Rolf Pfeiffer RECKLINGHAUSEN - Von Falladas kleinen Leuten hat man so seine Vorstellung: bescheiden sind sie vor allem, ein bisschen verdruckst und zwangsläufig zufrieden mit dem Platz, den ihnen die Gesellschaft zuweist. Zu dramatischen Figuren werden sie erst, wenn die Gesellschaft keinen Platz mehr für sie hat, wie der junge Buchhalter Johannes Pinneberg, der in der Arbeitslosigkeit verelendet.

Er ist der Titelheld aus Hans Falladas sprichwörtlichem Roman „Kleiner Mann, was nun“, den Sibylle Baschung und Regisseur Michael Thalheimer in eine Bühnenfassung gebracht haben. Als letzte große Inszenierung ist diese Koproduktion von Schauspiel Frankfurt und Ruhrfestspielen jetzt in Recklinghausens Großem Haus zu sehen.

Als „kleiner Mann“ kommt dieser Johannes Pinneberg allerdings nicht daher. Für lange Zeit ist er ein sehr heutiger junger Mensch, durchaus selbstbewusst, etwas theatralisch, extrovertiert, impulsiv. Und als Zuschauer fragt man sich bang, ob der Fallada-Stoff mit einem solchen Helden überhaupt noch funktionieren kann. Ja, er kann; diese Produktion ist grandioses und im besten Sinne empörendes Theater geworden, weil Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung, Armut und Unrecht, wie sie hier in ihrer Entwicklung schlüssig präsentiert werden, empörend sind. Einen großen Anteil am Erfolg hat aber auch Hauptdarsteller Nico Holonics, der sich in permanenter Bühnepräsenz geradezu die Seele aus dem Leib spielt.

Die szenische Anlage des Stücks, die man wagemutig nennen muss, verlangt einen solchen Hauptdarsteller. Pinneberg und seine junge Frau Lämmchen (Henrike Johanna Jörissen) nämlich sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die einzigen, die auf der Bühne (Olaf Altmann) in ihrer ganzen Breite mit viel Körpereinsatz agieren. Auf der Rampe hinter ihnen hingegen bilden die weiteren Figuren eine Art Chor: die niederträchtigen Arbeitgeber, die übelwollenden Kollegen, Pinnebergs zwielichtige Mutter und ihr Lover Jachmann, ein, zwei gutherzige Menschen auch. Hier lassen sich zwischen vorne und hinten schnell personelle Bezüge schaffen, hier kann kurz und verdichtet eine Menge Geschichte erzählt werden, und alles in allem ist der Umgang mit dem Romanautor respektvoll.

Doch gegen diese horizontale Starre anzuspielen ist auch ein Kampf; einige Längen werden spürbar, wenn die Passion des liebenden Paars Station für Station erzählt wird. Und trotzdem ist die feine Umgewichtung, die Michael Thalheimer in dieser Inszenierung vornimmt, klug zu nennen. Sie zeigt: Was Fallada aus den frühen 30er-Jahren erzählt, ist von hoher Aktualität. Johannes Pinneberg, dem die Nazis ebenso unsympathisch sind wie die Kommunisten, glaubt viel zu lange an die alleingültige Leistungsfähigkeit des Einzelnen, und wirkt dabei wie einer Casting-Show entflohen. Er kommt daher als Vertreter der Generation „Du kannst alles schaffen“, und wenn er in einer gruselig-komischen Slapstick-Nummer vorführt, wie er einem (fiktiven) Kundenehepaar einen Anzug verkauft, skandiert der Hintergrundchor seinen Namen als Anfeuerungsruf. Leben ist Kampf, Leben ist Wettbewerb.

Es braucht seine Zeit, bis Pinneberg eine Ahnung von seiner strukturellen Ausgegrenztheit entwickelt; und auch mit dieser ebenso späten wie rat- und folgenlosen Einsicht ist er ein Mensch der Gegenwart. Nicht bescheiden, nicht verdruckst, und trotzdem ein Loser.

„Kleiner Mann, was nun“ gehört zu den herausragenden Produktionen des Festivals. Jubelnder, lang anhaltender Beifall.

14.6. (20 Uhr), 15. und 16. 6. (16 Uhr). Karten-Tel. 02361/92180

Quelle: wa.de

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