Expressionisten um Hermann Stenner: Bielefeld zeigt die Sammlung Bunte

+
Hermann Stenners „Dame mit Lilie“ ist expressiv-abstrakt, zu sehen in Bielefeld.

Von Achim Lettmann BIELEFELD - Türkis, Schwarz, Braunrot – Hermann Stenners Gemälde „Dame mit Lilie“ (1914) wirkt geheimnisvoll und elegant. Vielleicht sogar etwas dämonisch: die verunklarten Augen, die abgeknickte und überlange Hand sowie der unstete Farbauftrag, der die Leinwand durchschimmern lässt.

Expressiv und abstrakt arbeitete der Bielefelder Maler, der neben dem Motiv zu einer Flächenkomposition drängte, die die Abstraktion als neues Formspiel der Kunst behauptete. Stenner ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Ende 1914 stirbt er als Soldat in Polen. Der erste Weltkrieg wird auch August Macke, Franz Marc, Wilhelm Morgner, Franz Nölken, Hermann Stemmler und Josef Alfons Wirth zum Verhängnis.

Die Ausstellung in der Bielefelder Kunsthalle „Das Glück in der Kunst. Expressionismus und Abstraktion um 1914“ präsentiert mit dem Schwerpunkt Stenner die Sammlung Hermann-Josef Buntes. Die Schau erinnert an den 1. Weltkrieg vor hundert Jahren, und sie erinnert an die Präsentation „Der Hölzelkreis bis 1914“, die Hermann-Josef Bunte 1974 in Bielefeld sah. Damals begann Buntes Liebe zum Maler Hermann Stenner. Fortan sollte der Jurist Bilder sammeln. In der Kunsthalle sind nach 40 Jahren nun rund 400 Exponate der Sammlung zu sehen. Im Fall Stenners (1891–1914) lässt sich die Entwicklung eines Malers selten so beispielhaft zeigen, wie hier.

Das Besondere ist, dass Bunte nicht nur 60 Gemälde und 400 Arbeiten auf Papier von Stenner besitzt, und damit „den Markt beherrscht“, wie ein Galerist mal gesagt haben soll. Bunte interessiert sich auch für Künstler, die zeitgleich mit Stenner gearbeitet haben. Also westfälische Expressionisten wie Peter August Böckstiegel, Ernst Sagewka, Wilhelm Schabbon, Victor Tuxhorn, Eberhard Viegener... und Schüler des Stuttgarter Künstlers und Akademieprofessors Adolf Hölzel wie Willi Baumeister, Oskar Schlemmer, Johannes Itten, William Straube ... Insgesamt bietet die prächtige Schau in Bielefeld 48 Künstler, deren Entwicklung vor dem 1. Weltkrieg modern war.

Hermann Stenner hatte 1907/08 die Kunstgewerbeschule in Bielefeld besucht, die als einzige Institution für moderne Kunst aufgeschlossen war. Auch Peter August Böckstiegel (1889–1951) war bei Ludwig Godewols Schüler, letztlich wohl sein prominentester.

Während die Ausstellung in Bielefeld Stenners Entwicklung belegt, zeigen die Arbeiten zu Böckstiegel, dass er beim Pinselstrich, der starken Farbigkeit und seinen landschaftlich-bäuerlichen Themen ein früh entschiedener Künstler war. „Das Bauernkind aus Arrode“ (1911) ist ein Beispiel für den Westfälischen Expressionismus Böckstiegels. Von Ernst Sagewka ist das gelb-strahlende Bild „Schnitter“ (1923) zusehen, von Victor Tuxhorn dieser struppige Quast in „Landschaft mit Bäumen“ (1914) und von Wilhelm Schabbon „Das Feld“ (1920), ein grob mächtiges Landschaftsbild, das auch zu einer inneren Bewegung wird. 18 westfälische Expressionisten sind in Bielefeld zu sehen. Die Künstler verband ein von der Natur geprägtes Weltgefühl und ein übergreifendes Farbempfinden. Weshalb der Expressionismus aus Westfalen neben den „Brücke“-Malern (Dresden/Norddeutschland), dem „Blauen Reiter“ (München/Süddeutschland) und dem Rheinischen Expressionimus kaum Beachtung findet, erklärt sich Hermann-Josef Bunte mit der Geschichte der Kunsthalle Bielefeld. Während Gustav Vriesen, der von 1954–1960 die Kunstinstitution führte, sehr für regionale Kunst einstand, musste sein Nachfolger Joachim Wolfgang von Moltke für den Neubau der Kunsthalle von Architekt Philip Johnson ab 1968 eine internationale Sammlung aufbauen.

Hermann Stenner, der Kunstmaler werden wollte und von seinen Eltern bestärkt wurde, ging 1909 nach München, wo er sich der Künstlerkolonie in Dachau anschloss, weil er die Aufnahmeprüfung der Akademie nicht bestanden hatte. Er überwandte seinen Naturalismus, wurde impressionistischer wie in dem Bild „Landschaft mit Kohlfeld“ (1909) und wechselt 1910 nach Stuttgart. Hier verfeinerte er bei Christian Langenberger seine Freilichtmalerei mit Werken wie „Kaffeegarten am Ammersee“ (1911), bis er dann in die „Komponier“-Klasse zu Adolf Hölzel kam.

Die Kuratorin der Ausstellung, Jutta Hülsewig-Johnen, beschreibt Hölzel als Initiator der Abstraktion in Deutschland. Bereits 1905 malte er seine „Komposition in Rot I“. Er entfernte sich vom gegenständlichen Ausgangspunkt für Kunst und probte mit Flächen, Farben und Mischtechniken als Bildinhalt. Die Komposition sollte auch für Hermann Stenner immer wichtiger werden. Die Ordnung der Natur hatte er überwunden, und die Verdichtung der Mittel war ein neues Ziel. Hölzel wählte 1913 Entwürfe von Stenner, Oskar Schlemmer (1888–1943) und Willi Baumeister (1889–1955) aus, um für die Werkbund-Ausstellung in Köln zwölf Wandbilder zu realisieren. „Die Legende der Heiligen Ursula“ sollte monochromatisch visualisiert werden. Es gab im Werkbund einen Eklat. Aber die Bilder aus Stuttgart wurden letztlich gehängt. Die Moderne nahm ihren Lauf.

Das Glück in der Kunst. Expressionismus und Abstraktion um 1914. Sammlung Bunte in der Kunsthalle Bielefeld. Bis 3.8.; di – so 11 bis 18, mi bis 21, sa 10 – 18 Uhr; Tel. 0521/32 999 500,

www.kunsthalle-bielefeld.de

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld 29 Euro, im Buchhandel 39,95 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare