Expressionismus-Schau im Gustav-Lübcke-Museum

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Stimmung mit Helldunkel-Kontrasten: Heinrich Schelhasses Aquarell „Kabarettszene“ (1920) ist in Hamm zu sehen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HAMM–Wie ein blaugrünes, dunkles Labyrinth wirkt der Raum mit den Säulen, in dem man vorn links schattenhaft einen Pianisten klimpern sieht. Eine Bühne sticht lichtrot hervor, auf ihr tanzt ein Paar, das überragt wird von seinem Schatten. Die nur 28,5 cm breite „Kabarettszene“ ist ein Glücksfund. Das Aquarell fiel den Kuratorinnen Diana Lenz-Weber und Anke Bäätjer auf, als sie die Ausstellung „Genuss, Empfindung, Aufbegehren“ im Gustav-Lübcke-Museum Hamm vorbereiteten. Der Künstler Heinrich Schelhasse ist heute nahezu unbekannt. Sein Bild von 1920 aber formuliert stimmig das Lebensgefühl des Expressionismus.

Diese Kunstrichtung hat gerade Hochkonjunktur. Mit der grandiosen Schau zum „Sturm“ in Wuppertal und der opulenten Rekonstruktion der Sonderbundausstellung in Köln kann das Lübcke-Museum natürlich nicht konkurrieren. Das Institut zeigt aber durchaus Stärken mit seiner Präsentation expressionistischer Kunst, zumal rund 100 der 120 Exponate aus dem eigenen Bestand stammen. Die „Menschenbilder im Expressionismus“ sind meistens kleinformatig, überwiegend Arbeiten auf Papier. Und doch sieht der Besucher hier Werke bedeutender Künstler. Die Großen sind fast alle vertreten, die Stars der „Brücke“ wie Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff zum Beispiel, Emil Nolde, aber auch August Macke vom „Blauen Reiter“, George Grosz und Max Beckmann. Und Karl Schmidt-Rottluffs Bildnis Wilhelm Niemeyer (1922) zeigt, warum und wie die „Brücke“-Künstler alte Techniken wie den Holzschnitt revolutionär erneuert haben: Monumental wie eine afrikanische Maske steht das Antlitz des Schriftstellers vor uns, ein Gewirr von Schraffuren und Linien deutet im Hintergrund die Großstadt an.

Die Sammlung des Hammer Hauses hat einen deutlichen Schwerpunkt auf den westfälischen Vertretern des Expressionismus. So kam überhaupt das Werk von Schelhasse hierher, der Künstler (1896–1977) wurde in Bad Lippspringe geboren, arbeitete vor allem in Berlin als Mosaik- und Glasmaler, wurde aber 1933 aus seiner Lehrtätigkeit an der Berliner Akademie entlassen. Nach 1945 lebte er in Paderborn.

Die thematisch in Kapitel wie Porträt, Akt, Stadt gehängte Ausstellung bietet einen spannenden Kontrast zwischen den Künstlern der Metropolen wie Dresden und Berlin und den Meistern der Provinz. So sieht man einige hinreißende Werke von Wilhelm Morgner wie den „Mann auf dem Hügel“ (1911), in dem Farbe zum Ausdrucksmedium von Energie wird. Hermann Stenner wurde vor einigen Jahren in einer Retrospektive in seiner Heimatstadt Bielefeld wieder entdeckt, von ihm besitzt das Lübcke-Museum mehrere Gemälde, darunter die eindringliche „Verspottung Christi“ (1913). Der Soester Eberhard Viegener ist mit markanten Beispielen seiner Kunst zu studieren, zum Beispiel dem in düsteren Schattentönen gehaltenen „Porträt Fräulein B.“ (1919). Und wer hätte von Christian Rohlfs einen so wilden Akt erwartet wie die „Tänzerin mit Schleier“? Er schuf das Bild 1928 als 79-Jähriger. Westfalen strahlt in dieser Schau als ein Zentrum des Expressionismus, das mehr Beachtung verdient (auch wenn die Kunsthalle Bielefeld vor zwei Jahren das Thema in einer großen Ausstellung behandelte).

Die Ausstellungsmacherinnen entdeckten zudem in den Beständen des Hauses noch Werke weiterer Künstler, die selbst der Fachmann kaum kennt. Mit ganz wenigen Linien skizziert Ernst Bahn 1922 einen Frauenkopf, da ist der Schritt zur Neuen Sachlichkeit schon fast vollendet. Der Düsseldorfer Adolf de Haer porträtierte sich 1923 in einer Radierung, in der er die Proportionen verändert und den Raum um den markanten Kopf mit den übergroßen Augen kreisen lässt. Emmy Kraushaar, die bis in die 1930er Jahre in Hamm lebte, schuf die stimmungsvolle Radierung „Passanten im Laternenlicht“.

Diese Ausstellung hat nicht das Zeug zum Event. Aber wie sie den Bestand des Museums erschließt, ist verdienstvoll und bereichert den Besucher.

Genuss, Empfindung, Aufbegehren im Gustav-Lübcke-Museum Hamm. Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 24.3.2013, di – sa 10 – 17, so bis 18 Uhr, Tel. 02381/175714, http://www.hamm.de/gustav-luebcke-museum, Katalog 19 Euro

Quelle: wa.de

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