„Exodus“-Projekt am Theater in Münster

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Kraftsuche im Glauben: Szene aus „Hiob“ in Münster mit Carola von Seckendorff und Johann Schibli. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ MÜNSTER–Trotzig hockt er auf dem Felsen. Irgendwann wird er seine Rache haben, das befeuert seinen Hass. „Prometheus, gefesselt“, auf einer Klippe ausgesetzt, weil er den Menschen gegen Zeus' Willen das Feuer schenkte. Die Städtischen Bühnen Münster zeigten die antike Tragödie des Aischylos (in der Bearbeitung von Peter Handke) im Rahmen ihrer Exodus-Tage. Das Großprojekt bot zum Saisonauftakt neun Premieren – darunter eine szenische Lesung von Heiner Müllers „Totenfloß“ und die Uraufführung „Paradiesstraße“, ein Nachkriegsdrama über Vertreibung, Rückkehr und Verbannung im ostpreußisch-litauisch-russischen Grenzgebiet.

Exodus bezeichnet im Alten Testament den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Die Münsteraner Stücke kreisen um Flucht, Vertreibung, Migration, Verfolgung und aus der Bahn geworfene Existenzen (wie den Amokläufer in Lars Noréns „20. November“). Dabei geht das Theater selbst auf Wanderschaft in Kirchen, Klassenzimmer – und auf die eigene Dachterasse. Hier wird die Theaterruine zum Felsvorsprung, auf dem Prometheus mit seinen Ketten rasselt. In Dialogen mit verschiedenen Besuchern (Gabriele Brüning, Ilja Harjes) misst Prometheus die Untaten des Zeus aus: Er selbst hatte ihm zur Macht verholfen, leistete dann Widerstand.

Allerdings erschüttern Wolf-Dieter Kabler und Regisseurin Annegret Sophia Neugschwender den verbannten Titanen nicht sonderlich. Sie verdünnen seine Wutwucht, weil er das Ende des Zeus kennt: Herrschaftswissen eines scheinbar Ohnmächtigen. So wird das finstere tiefe Funkeln des Textes abgeblendet von Prometheus' Gleichmut, die kommenden paar Ewigkeiten aus Kälte, Qual und Einsamkeit schon absitzen zu können. Ein matter Prometheus.

Eindringlicher gelingt die Verlustgeschichte, die Hannes Hametner mit „Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth (1930/Bühnenfassung von Koen Tachelet 2008) inszeniert. Mendel Singer wandert mit seiner Familie aus einem ostgalizischen Schtetl in die USA aus, verliert dort Frau und Kinder und seinen Glauben. Er gräbt sich ein, streut Asche auf sein Haupt. Johann Schibli pumpt diesen Verzweifelten immer weiter auf, sein Mendel Singer resigniert nicht, sondern wendet alle Glaubensenergie in enttäuschtes Hadern.

Hametner transponiert die Geschichte aus der Zeit des Ersten Weltkriegs in einen zeitlosen Zusammenprall verschiedener Kulturen. Mendels Sohn Schemarjah (Tim Mackenbrock) übernimmt mit Baseballkappe und Glitzertrikot die Klischees über hiesige junger Männer mit Migrationshintergrund (Ausstattung: Giovanni de Paulis). Mutter und Schwester blühen auf im Konsum, während der Vater sich an das Zurückgelassene klammert, an die Erinnerung an Menuchim, den jüngsten Sohn. Den nahmen die Singers nicht mit, er hätte als Epileptiker kein Visum bekomen. Dass Menuchim als gefeierter Musiker auftaucht und dem Vater eine neue private Geborgenheit bieten kann, dieses wundersame Happy End bleibt trügerisch.

Viele Alltagskonflikte tippt das Stück an, und sie erden Mendel Singers Ringen um die große G-Fragen: Wie kann Gott das zulassen? Existiert er überhaupt? Wie die Söhne sich an der religiösen Rechthaberei des Vaters reiben, zeigen Mackenbrock und Frank-Peter Dettmann mit breitbeinigen Posen. Sie weichen aus: Der eine geht zum Militär, der andere nach Amerika. Die Tochter (Judith Patzelt) amüsiert sich mit den Kosaken der benachbarten Kaserne und später mit den Kollegen im Kaufhaus. Die Mutter (Carola von Seckendorff) versucht nur halbherzig, sie zu disziplinieren, denn sie sehnt sich selbst aus der müden Zweisamkeit mit Mendel zurück in lebenslustigere Zeiten.

Prometheus gefesselt: 14., 21.10., Hiob: 29.9., 1., 6., 14., 23.10., Tel. 0251/59 09 100, http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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