„Existenzielle Plastik“ von Hans Josephsohn im Museum Folkwang

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Wenn man den Klumpen lange genug anschaut, erblickt man einen Kopf: Hans Josephsohns Plastik ohne Titel (1996) ist im Museum Folkwang zu sehen.

ESSEN - Zunächst sieht das wuchtige Messingobjekt einfach nur aus wie ein Brocken, geradezu provokativ auf das Podest platziert. Die Oberfläche ist schrundig, wie in einem langen Zeitraum zufällig entstanden, durch Witterung oder andere natürliche Prozesse. Aber je länger man dieses Kunstwerk ohne Titel von Hans Josephsohn anschaut, desto mehr Leben gewinnt es. Tatsächlich ist der fast einen Meter hohe Klotz ein Kopf, den der Bildhauer nach einem Modell geformt hat. Angeblich sollen die so Porträtierten sogar ihre individuellen Gesichtszüge erkannt haben.

Zu sehen ist das Werk im Essener Museum Folkwang in der Ausstellung „Existenzielle Plastik“. Es ist die erste große Werkschau in Deutschland, erarbeitet mit dem Kesselhaus St. Gallen, das den Nachlass des Künstlers betreut. Mit rund 120 Exponaten wird ein Oeuvre dokumentiert, das in mehr als 60 Jahren entstanden ist.

Die Umstände halfen Josephsohn (1920–2012) nicht bei seiner Künstlerkarriere. Der Sohn jüdischer Eltern aus Königsberg hatte 1938 in Florenz ein Studium aufgenommen, floh dann aber in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod lebte. Eingebürgert wurde er allerdings erst 1964, bis dahin war er geduldet. Mehrfach forderte die Fremdenpolizei ihn zur Ausreise auf. Lange durfte er keine Arbeit aufnehmen, hatte keine Galerie, die ihn vertrat. Güsse seiner Werke sah er als eigentliche Ausführung an. Aber oft fehlte ihm das Geld, seine Gipse in Güsse umsetzen zu lassen, die er dann auch verkaufen konnte. Erst in den 1970er Jahren gibt es größere Ausstellungen, 2003 erhält er den Kunstpreis der Stadt Zürich. Josephsohn blieb ein Fall für Spezialisten.

Das änderte sich in den letzten Jahrzehnten. Tatsächlich ist hier ein überaus eigenwilliger Zugang zur Plastik zu entdecken. Obwohl besonders Josephsohns späte Arbeiten oft sehr abstrakt wirken, hat er nie den Gegenstand aufgegeben. Er war damit ein Unzeitgemäßer. Eigentlich sind alle seine Werke Menschenbilder. Er unterschied recht schlicht Köpfe, Stehende, Liegende, Halbfiguren und Reliefs. Immer arbeitete er mit Modellen, meistens Menschen aus seinem persönlichen Umfeld.

Aber Josephsohns Arbeiten sind keine herkömmlichen Porträts, die auf Abbildung abzielen. Er erarbeitete Formen, die mit dem umgebenden Raum in eine Beziehung treten. Die frühen Arbeiten sind noch relativ realistisch, der Kopf ohne Titel (Benno) geht noch als Porträt durch, und im Gips eines stehenden Mannes findet man noch eine individuelle Körperhaltung.

Manche der späten Halbfiguren hingegen sind kaum noch als Menschen lesbar, man hat diese wuchtigen Materialklumpen auf einem Podest, die manchmal durch eine Einschnürung, manchmal durch aufgesetzte winzige Details wie Augenknöpfe oder eine angedeutete Nase ihren Charakter preisgeben. Man steht vor ihnen und sieht die verschiedenen Farbtöne des Metalls, die so ungleichmäßige Oberfläche, die Wucht des schieren Materials. In vieler Hinsicht ist Josephsohn mit Alberto Giacometti zu vergleichen, auch wenn dessen langgliedrige schlanke Plastiken auf den ersten Blick so ganz anders aussehen. Aber schon die unruhigen Oberflächen zeigen eine gewisse Parallelität. Und beide gehen zwar vom Menschen aus, wollen mit ihren Bildwerke aber vor allem formale Fragestellungen behandeln. Man betrachtet eine Liegende von Josephsohn, identifiziert manchmal erst nach längerem Hinschauen Kopf und übereinandergelegte Beine. Und dann kippt die Darstellung um: Man könnte auch eine Gebirgslandschaft erblicken. Der Rhythmus von Auf und Ab des horizontalen Blocks ist ähnlich – und das eigentliche Thema.

Josephsohn arbeitete in Gips, weil er sich nicht festlegen musste. Einerseits arbeitete er plastisch, das heißt, er bildete aus dem Brei eine Form. Dann schnitt oder hieb er Partien weg und stückelte getrocknete Gipsstücke an. Am Ende sind seine Arbeiten beides: Plastik und Skulptur, die durch den Guss endgültig fixiert wurden, also als abgeschlossen gelten können.

Spannend sind auch Josephsohns Reliefs. Dabei ging er von antiker und mittelalterlicher Bauskulptur aus, von Tragefiguren und Pfeilerschmuck. Aber auch wenn er hier oft verschiedene Figuren in Beziehung zueinander setzt, so findet der Betrachter doch keine Anhaltspunkte einer Erzählung.

Diese Plastiken waren zwar einmal Reaktion auf einen Menschen, ein Modell. Aber nun stehen sie für sich, sie repräsentieren nichts, sie sind einfach. Das ist ihre existenzielle Seite. Die ruhige Kraft dieser Werke überträgt sich auf den Betrachter.

Bis 24.6., di – so 10 – 18, do, fr bis 20 Uhr, Tel. 0201 / 88 45 000, www.museum-folkwang.de,

Katalog, Steidl Verlag, Göttingen, 25 Euro

Quelle: wa.de

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