Eurovision Song Contest: 27 Titel im Schnelldurchlauf

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Der Schwede Måns Zelmerlöw zählt zu den Favoriten. Der Sänger zeigte im zweiten Halbfinale eine perfekt inszenierte Show seines Lieds „Heroes“ mit einem parallel zum Gesang laufenden animierten Comic.

Wien - Kann man den Eurovision Song Contest nicht immer in Wien austragen? Oder wenigstens Conchita Wurst als feste „Green Mum“ hinter den Kulissen anheuern? Die amtierende Königin des Wettbewerbs erweist sich auch als grandiose Plauderkünstlerin, die jedem der wartenden Künstler versichert, wie toll er war, und sich immer wieder kleine Frivolitäten erlaubt.

 „Ups, ich habe ein Mädchen geküsst. Zum ersten Mal.“ Die 60. Ausgabe des Wettbewerbs gewinnt eine angenehme Leichtigkeit. Die braucht man auch beim bunten Strauß aus 27 Liedern. Hier unser Schnelldurchlauf:

- 1. Der letzte Schrei in Slowenien: Man trägt Kopfhörer zum Spitzenkleid. Maraaya singt „Here For You“ erstaunlich geerdet, angesoulter Wohlfühlpop, der so schnell aus dem Ohr geht, wie er hineinkam. Was freilich die tanzende Luftgeigerin geraucht hat, will man gar nicht wissen.

- 2. Taschentücher frei für Frankreich. Lisa Angell singt gleich in der ersten Zeile, dass ihr nichts blieb außer Tränen. „N’oubliez pas“ hört sich an wie ein ins Französische übersetzter Ralph-Siegel-Schlager.

- 3. Nadav Guedj hat für seine Seufzer wenigstens einen Grund: Liebeskummer. Aber der Flügelschuhträger aus Israel macht seinen Kummer produktiv und mischt mitreißend Orient-Disco und Rap. So locken die Nächte in Tel Aviv: „Golden Boy“.

- 4. Am liebsten drehen Elina Born & Stig Rästa aus Estland den Fernseher auf schwarz-weiß. „Goodbye To Yesterday“ klingt nach damals, als die Jungs mit den E-Gitarren noch jung und halbstark waren und die Liebe eine Schicksalsmacht für Mädels im Minirock, wie eine alte B-Seite von Lee Hazlewood und Nancy Sinatra. Aber für diese Art Weltschmerz sieht Rästa doch verdammt milchbubihaft aus.

- 5. Klare Ansage aus Großbritannien: Man will raus aus Europa. Spätestens 2017 kommt die Volksabstimmung. Ein Signal für das erwünschte Ergebnis wäre der letzte Platz beim ESC. Man paart einen Louis-Armstrong-Imitator und eine gescheiterte Casting-Show-Kandidatin zum Duo Electro Velvet und lässt sie zickigen Nostalgie-Swing trällern: „Still In Love With You“. Mission very possible.

- 6. Nach ungefähr zwei Minuten muss die Menschenrechtskommission bei „Face The Shadow“ einschreiten. Glocken, Orchester, Metal-Gitarre und Sopran-Koloraturen. Bei dem Klang-Overkill gesteht selbst Erdogan alle Verbrechen, die das Osmanische Reich begangen hat. Und die, die es nicht begangen hat, auch. Der Beitrag aus Armenien soll an den von der Türkei bestrittenen Völkermord vor 100 Jahren erinnern. Aufmerksamkeit ist garantiert, wenn die Gruppe Genealogy im Refrain drängt: „Don’t deny“ (Leugne nicht). Große Politik in einem mittelprächtigen Musicalsong.

- 7. Monika Linkyté und Vaidas Baumila sind ganz privat hier. Darum gönnen sie sich die Pause für einen Kuss. Und dann schrammeln wieder Gitarren und Banjo für den Country-Schlager aus Litauen: „This Time“.

- 8. Diese Frau ist der Berg, der auch vier Lustdiener aushält. Bojana Stamenov singt für Serbien „Beauty Never Lies“, Schönheit lügt nicht. Sie tritt Kilo um Kilo den Beweis an. Viele ESC-Fans lieben solche Hymnen der Selbstbehauptung: „I’m different and that’s ok“, ein „Das ist auch gut so“ nach Noten. Mit vollem Körpereinsatz und einer Hammer-Stimme überspielt sie, dass das Liedchen arg schlicht und auf Trash-Disco arrangiert ist.

- 9. Und schon wieder eine Liebe am Abgrund, diesmal von Mørland & Debrah Scarlett aus Norwegen. Der Sänger klagt sich an als „A Monster Like Me“ – die musikalische Beichte eines Mannes, der als Kind einen Mord beging. Die rothaarige Fjord-Nymphe scheint ihr eigenes Päckchen mit sich zu tragen. Warum besuchen sie keinen Therapeuten, statt einem Millionenpublikum die Ohren vollzujammern?

- 10. Die kernige Country-Blues-Gitarre setzt eine ungewohnte Tonart. Gerade freundet man sich mit Måns Zelmerlöws Song „Heroes“ an, da setzt dieser Mitgröl-Stadionrock ein. „Iiiiih-wohou-wohohouu“. Schweden setzt alle Mittel ein: Diese akustische Droge bohrt sich ins Hirn, ins Hirn, ins Hiiii-wohou-wohohouu. Aber die Bühnenschau mit den tanzenden Strichmännchen ist umwerfend.

- 11. Man traut diesem adretten Anzugträger aus Zypern gar nicht zu, dass er etwas zu bereuen hätte. So gestylt mit Hornbrille und sauber getrimmtem Hipster-Bart steht Giannis Karagiannis am Mikro und trauert einer Gelegenheit nach: „One Thing I Should Have Done“. Und das hört sich auch noch gut an, schlicht, melodiebetont und vergleichsweise dezent orchestriert.

- 12. Klare Ansage aus Australien: Man will rein nach Europa. Zumindest zum ESC. Und man schickt einen heißen Feger, den charts-gestählten Star Guy Sebastian. Der trägt „Tonight Again“ vor als Mischung aus Michael Jackson und Pharrell Williams mit einem Kiekser hier, einem Schluchzer da und einer Dringlichkeit in der Stimme, die so schnell keinen kalt lässt. Eine Bereicherung.

- 13. Rap-pap-pap scattet die Stimme, und man weiß nicht recht: Mann oder Frau? Loïc Nottet ist gerade 18 Jahre alt und belegte den zweiten Platz bei „The Voice“ in Belgien. Minimalismus von Format mit Gesang über digitalen Rhythmen und einer ungewöhnlichen Choreografie, die ohne Feuerwerk und anderen Quatsch auskommt. Die Mischung aus Techno-New-Wave und Blues klingt angenehm anders, und dazu hat er „Rhythm Inside“ auch noch selbst komponiert.

- 14. Optisch entführen die Makemakes in die Hippie-Ära, als sich die Leute noch über lange Haare aufregten. Aber bei den drei Jungs aus Österreich wäre jede Frau gern Schwiegermutti. Der fröhliche Retro-Poprock von „I Am Yours“ schunkelt sich so über die Runden.

- 15. Maria Elena Kyriakou trägt das tiefste Dekolleté und singt die höchsten Töne. Wenn das blonde Gift dann noch die Arme zurück und sich in die Brust wirft, schaut die Welt auf Griechenland. Und ist genug abgelenkt vom pompösen „One Last Breath“, das als Ballade beginnt und als sinfonischer Filmsong endet. Zur wirklichen Klasse fehlt ihr ein Bart.

- 16. Die schwermütige Geige verrät es sofort: „Adio“ kommt vom Balkan. Knez trägt das Lied aus Montenegro auch in der Landessprache vor, und fünf Damen in Glitzerkleidern führen einen Schreittanz aus. So traurig, dass nur ein ganz schneller Slibowitz hilft.

- 17. Eigentlich hat das viel: Stimme, Ausstrahlung, Charme. Und doch lasten auf Ann Sophie, die für Deutschland mit „Black Smoke“ antritt, zwei Handicaps. Sie füllt zu sehr das Schema jung, unbekannt und unbeschwert aus, das schon Lena und Elaiza bedienten. Vor allem aber: Sie bleibt Deutschlands zweite Wahl.

- 18. Den Beitrag zur ESC-Inklusion leistet in diesem Jahr Polen. Monika Kuszynska sitzt nach einem Unfall querschnittsgelähmt im Rollstuhl. „In The Name Of Love“ verwandelt ihre Geschichte in eine rührselige Schnulze. Schwarz-Weiß-Videos von früheren Auftritten treiben den mitleidheischenden Kitsch auf die Spitze.

- 19. Aminata Savadogo hat von ihrem Vater die Voodoo-Techniken aus Burkina Faso erlernt. Starr entwächst sie einer Wolke aus rotem Tüll und haucht, spricht, schreit zu spröden Techno-Rhythmen „Love Injected“ und vollführt mit den Händen seltsame Gesten. Das ist kein Lied für Lettland. Sondern ein dreiminütiges Klangritual.

- 20. Die Gruppe Voltaj aus Rumänien erinnert in „De La Capat“ an das Schicksal der Kinder, die ohne Familie aufwachsen, weil die Väter im Ausland arbeiten. Familientauglich softer Gutmenschenrock. Der grundsympathische Sänger hat weniger Haare als Engler oder Maffay, trifft aber genau deren mittlere Tonlage.

- 21. Die Windmaschine läuft in Wien ohnehin auf Hochtouren. Für Edurne aus Spanien pustet sie besonders viel lauwarme Luft. Beim pathetischen „Amanecer“ muss man viele spitze Töne aushalten. In Zukunft ist der Einsatz in nordspanischen Nebelgebieten geplant.

- 22. 32 Jahre nach „Ein bisschen Frieden“ packt Boggie für Ungarn die Klampfe aus und rüstet musikalisch ab. Dass „Wars For Nothing“ auf den Bombast verzichtet, tut gut. Aber für die große Friedensbotschaft fehlt es dem Liedchen dann doch an Substanz.

- 23 . Nebelschwaden, dräuende Synthesizer, Frankensteins Tochter im schwarzen Lederfummel mit komischen Federn an den Schultern erklärt uns, dass sie eine Kriegerin ist. Nina Sublatti spielt für Georgien die Schlager-Walküre mit „Warrior“.

- 24. Nachts erschallt über Aserbaidschan betörendes Geheul. Berghirten haben den Wölfen süße Lieder beigebracht, die man nirgends sonst vernimmt. Für Elnur Hüseynov wurde eine dieser Weisen betextet und ist als „Hour Of The Wolf“ im Wettbewerb. Klingt aber auch nicht anders als all die anderen Sehnsuchtsballaden.

- 25. Polina Gagarina sieht aus wie ein Engel mit Sex. Mit „A Million Voices“ soll sie für Russland eine Friedensbotschaft verbreiten. Perfekt wie eine Buk-Flugabwehrrakete trifft sie auch in höchsten Höhen. Ob es jemanden stört, dass unter dem Refrain ein Marsch getrommelt wird? Und die Zeile „You Won’t Be Lonely Anymore“ kommt in manchem Nachbarland eher wie eine Drohung an.

- 26. Unter den vielen austauschbaren ESC-Hymnen sticht „I’m Alive“ aus Albanien unverkennbar hervor. Wenn eine Frau all die hohen Töne sucht und sehr oft verfehlt, dann singt Elhaida Dani.

- 27. Doch, die drei von Il Volo aus Italien hießen anfangs tatsächlich „I tre tenorini“. Sie haben sich umbenannt, tragen jetzt Armani-Anzüge und haben das Festival von San Remo gewonnen. Doch bei jeder Note des Schmachtfetzens „Grande Amore“ merkt man, dass die „drei Tenörchen“ nimmer einen Pavarotti aufwiegen, so sehr sie auch tremolieren.

Die ARD startet zum Eurovision Song Contest an diesem Samstag um 20.15 Uhr den „Countdown für Wien“. Um 21 Uhr schließt sich das Finale aus Wien an. Zum  „Liveticker“ vom Eurovision Song Contest kommen Sie hier.

Quelle: wa.de

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