Essener Händel-Inszenierung: Die Braut, der keiner traut

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Eine Vision des totgeglaubten Geliebten: Ginevra (Olga Pasichnyk) versucht vergeblich, Ariodante (Tamara Gura) festzuhalten. Szene aus der Essener Händel-Inszenierung.

Essen - Alles konnte doch anders werden. Die lieblose Zweisamkeit der Eltern, Mutters bigotte Frömmigkeit und die steife Disziplin des Vaters wollte Ginevra endlich hinter sich lassen. Ihrem Glück stand nichts mehr im Wege: Mit Ariodante teilte sie die große, wahre Liebe. Der Vater wollte ihm Tochter und Thron gern überlassen. Aber nichts wird gut.

Von Elisabeth Elling

Wie nach lebensbedrohender Intrige die Beiden sich zwar doch noch bekommen, wie aber in diesem nur noch formal glücklichen Endes Ginevras Lebenstraum zerstört ist: Das zeigt der Niederländer Jim Lucassen in einer wundersam zartfühlenden Inszenierung von Georg Friedrich Händels „Ariodante“ am Essener Aalto-Theater.

Lucassens Personenführung unterfüttert die Figuren des schottischen Königshofs (vor allem Ginevra) mit nachvollziehbaren Motiven und überzeugt mit ihrem steten Bezug zur Musik. Auch wenn sie das Libretto ironisch bricht: Am Vorabend der Hochzeit gerät Ariodantes Liebesarie zur überlangen Tischrede, die Ginevras Geduld strapaziert und mit ihrem Überschwang die Verlobungsgesellschaft peinlich berührt. Tamara Gura ergeht sich hier in jubilierenden Koloraturen – und betört wenig später mit der warmen, vibratoarmen Intensität ihres Mezzosoprans in der großen Arie „Scherza infida“, in der Ariodante sich dem Schmerz hingibt. Er glaubt, Ginevra mit Polinesso gesehen zu haben, und will sich aus Enttäuschung über ihre Untreue das Leben nehmen.

Ähnlich grandios zeichnet Olga Pasichnyk die Ginevra. Erst ein vor Aufregung trippendes und zwitscherndes Frohlockchen. Dann die von allen jäh verstoßene Braut, der keiner traut: Sie soll Ariodante betrogen haben, ihr droht der Tod. Dass auch Ariodante sie für schuldig hielt und darum verschwand, das zermürbt sie. Lucassen zeigt das in einer für diese subtile Inszenierung typischen Szene als große tänzerisch aufgeladene Linie. Der Geliebte kreuzt als Vision Ginevras Verzweiflung („Il mio crudel martoro“), sie versucht vergeblich, ihn zu halten.

Als abgrundtief schwarze Figur wird Polinesso von Ieva Prudnikovaite verkörpert. Sie verbindet vehemente, dabei stets bewegliche Koloraturen mit der zynischen Pose des Intriganten. Ginevra hat ihn verschmäht, doch mehr als diese Kränkung nagt der Ehrgeiz an Polinesso: Er will den schottischen Thron und benutzt die ahnungslose Dalinda (zunehmend sicher: Katharina Bergrath) für das Täuschungsmanöver, das Ginevra ruiniert. Als der König (Almas Svilpa) das unabwendbare Todesurteil über die Tochter beklagt, reicht Polinesso ihm unbewegt ein Taschentuch.

Ausstatter Ben Baur hat reduzierte Kostüme und dunkle, kaum möblierte Räume entworfen: Nichts lenkt ab von den präzisen, genau beobachtbaren Veränderungen und Entwicklungen der Liebes- und Familientragödie, die Lucassen entwickelt.

Kabale und Liebe werden von den Essener Philharmonikern mit schlankem, vollen Barockklang getragen. Matthew Halls am Pult lässt introvertiert musizieren – und immer wieder Händels Genie in Sachen delikater Schwermut anklingen, etwa in den seufzerschönen Fagott-Einwürfen in Ariodantes „Scherzo infida“-Arie. Auch in den Zwischenspielen setzt er keine Akzente. Erst in der Schlussszene drängt sich der Klangkörper mit einem bemerkenswerten Insistieren hervor: Hall forciert das Tempo, um den allgemeinen Jubel über die Verbindung von Ginevra und Ariodante abzuwickeln wie ein routiniertes Protokoll. Die Krise ist bewältigt: Der Totgeglaubte tauchte wieder auf, ein Zweikampf zwischen Polinesso und Ariodantes Bruder endete mit dem Tod des Schurken, Ginevras Ehre ist restauriert und Ariodante liebt sie wieder – darüber soll sie sich doch gefälligst freuen.

Tut sie aber nicht: Nur so lange es die Staatsräson verlangt, verharrt Ginevra an ihrem Platz als künftige Königin der Seite Ariodantes, der sich gleich in der neuen Würde einrichtet hat. Dann steht sie auf.

Quelle: wa.de

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