Erwin Blumenfelds Modefotografien im Essener Museum Folkwang

1. Mai 1949 zeigte die US Vogue das Model Ruth Knowles. Zu sehen ist die Variante des Titelbilds im Essener Museum Folkwang. Fotograf Erwin Blumenfeld.  - Fotos (3): © The Estate of Erwin Blumenfeld (Sammlung Henry und Yorick Blumenfeld)

Von Achim Lettmann -  ESSEN–Das Rot ihrer Lippen schimmert ein wenig aus dem duotonfarbenen Gitternetz. Erwin Blumenfeld hat diese Struktur auf das Gesicht von Ruth Knowles projiziert, die den Lippenstift gut sichtbar in der Hand hält. Was hat sie vor? Der Fotograf zeigt auf der Titelseite der Zeitschrift Vogue (US-Ausgabe) am 1. Mai 1949 das elegante Model, das stellvertretend für die modische Frau ihre Schönheit selbstbewusst akzentuiert – mit Farbe.

Die nüchternen Planquadrate über ihrem Antlitz signalisieren, hier ist Berechnung im Spiel. Sie weiß, was wirkt und wie sie wirken will.

Als Erwin Blumenfeld diese Studioaufnahme machte, war er bereits der Modefotograf, der in New York die Ästhetik einer ganzen Branche beeinflusste. Weshalb er bis Ende der 50er Jahre dieses fotografische Genre beherrscht hat, zeigt eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang: „Erwin Blumenfeld. Studio Blumenfeld. Farbe, New York, 1941-60“.

Blumenfeld, 1897 in Berlin geboren, geht nach dem 1. Weltkrieg in die Niederlande, wo er mit Paul Citroën einen Kunsthandel aufmacht. 1923 gründet er die Fox Leather Company und verkauft Damenhandtaschen. Ab 1924 reist er regelmäßig nach Paris, ab 1926 auch wieder nach Berlin. Überall fotografiert Erwin Blumenfeld, und ab 1935 wird er Berufsfotograf. Die Begegnung mit Cecil Beaton 1937 führt dazu, dass er für die französische Modezeitschrift Vogue arbeitet. Mehr und mehr macht Blumenfeld in Mode.

In Essen ist diese wichtige Phase im Werk Blumenfelds dokumentiert. Die Fotografie „Cecil Beaton“ (1937) zeigt den Mode- und Hoffotografen des britischen Königshauses auf einer kontrastreichen Schwarzweißfotografie, die mit einem schwarzen Schattenriss sein Porträt halbiert. Beaton ist noch einmal als dramatisiertes Menschwesen hinter einer Rauglasscheibe abgebildet und unkenntlich. Beide Fototechniken sollten auch in Blumenfelds New Yorker Jahren zu Stilmitteln werden, die ihn von amerikanischen Fotokollegen unterschieden.

1941 konnte Blumenfeld mit seiner Frau Lena Citroën und den beiden Kindern über Marseille nach Amerika fliehen. Dem Juden drohten Deportation und Tod von den deutschen Nazis. In New York erhielt er sofort Aufträge vom Modemagazin Harper’s Bazaar. Neben den Zeitschriftenfotos für Cosmopolitan, Life, Look und anderen experimentierte er mit Akt- und Porträtfotografien. Seine Fotomontage „Hitlerfresse“ wird 1942 millionenfach über Deutschland abgeworfen. Ab 1944 bindet sich Blumenfeld an die amerikanische Ausgabe der Vogue und den Condé-Nast-Verlag. Damit wird er zum professionellen Studiofotografen und muss kommerziellen Zielen folgen. Das heißt 10 bis 40 Belichtungen mit der Großformatkamera für letztlich ein Foto. Beleuchtung, Hintergrund, Accessoirs, Make-up – alles musste stimmen.

Blumenfelds Vokabular speist sich aus visuellen Schöpfungen der Dadaisten, Surrealisten und aus Ikonen der klassischen Malerei. Diese Bildkunst brachte Blumenfeld in die US-Modefotografie ein und sorgte für neue Impulse, die von der wachsenden Branche aufgenommen wurde. Die USA waren die prosperierende Volkswirtschaft nach dem 2. Weltkrieg. Blumenfeld zählte zu den zahlreichen Emigranten aus Europa, die die amerikanische Kultur in Architektur, Kunst, Fotografie und im Film bereicherten.

Blumenfeld schuf mit seinen Fotos einen bezaubernden wie überraschenden Mehrwert. Für die Vogue („Do Your Part For The Red Cross“) erinnerte er in Kriegszeiten ans Rote Kreuz und daran, wie wichtig die Arbeit der Hilfsorganisation war. Auf das Positivbild mit einem Model hatte Blumenfeld einfach rotes Tesafilm aufgeklebt. Für Harper’s Bazaar lichtete er eine junge Frau unter fließenden Stoffen in Rot, Blau, und Weiß ab, die sinnlich und bereit erscheint und wartet: auf Freiheit und Frieden („Salute to freedom“).

Die Ausstellung in Essen zeigt die US-Magazine in Vitrinen, Planfilme in Ektachrom und Kodakchrom sowie digital bearbeitete Diapositive, die für die Ausstellung hergestellt und nachcoloriert wurden. In Briefen ist nachzulesen, was Blumenfeld von den Artdirektoren hielt, die seine Fotos für die Zeitschriften zerschnitten oder von Laborangestellten, die seine Filme nicht richtig entwickelten. Außerdem sorgte er dafür, dass das neue farbige Bildmaterial die Modemagazine veränderte.

Nach dem Weltkrieg ging es vor allem um die modische Frau. „Frau mit zwei Männern“ (um 1946) zeigt das elegante Model Susan Jenks, das gelassen die Männerblicke zulässt, aber ganz bei sich und dem schulterfreien Kleid bleibt. Ihr Selbstbewusstsein wird noch vom Gefühl für die richtige Mode gestützt, das Blumenfeld szenisch arrangiert. Später waren Frauen mit dieser Rolle nicht mehr zufrieden.

Die Schau

Wie die Kunst zur Modefotografie kam. Ein Ausflug in die Zeit, als modebewusste Damen noch elegant und divenhaft waren.

Erwin Blumenfeld. Blumenfeld Studio. Farbe, New York, 1941-1960. Bis 5. Mai, di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr, Karfreitag und 1. Mai geöffnet; Katalog im Steidl-Verlag, 28 Euro.

Tel. 0201 / 8845 444/000

www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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