Erweiterungsbau für das Mauritshuis in Den Haag

Ein Blick wie durch ein Fenster: Das „Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ (ca. 1665) wird im Mauritshuis in einem neuen Rahmen gezeigt. - Fotos: Stiftel

Von Ralf Stiftel DEN HAAG - Weit ist das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge gereist, nach Japan und durch die USA. 2,2 Millionen Menschen sahen Johannes Vermeers Gemälde auf der Welttournee in den zwei Jahren, in denen die Heimat des Werks, das Mauritshuis in Den Haag, geschlossen war. Am Freitag eröffnet der niederländische König Willem-Alexander die Königliche Gemäldegalerie neu. Sie wurde umfassend renoviert und um einen kompletten Flügel erweitert.

Es war zu eng in dem Museum, das zwar mit rund 800 Gemälden relativ klein ist, aber wegen der Qualität seiner Meisterwerke auf Augenhöhe mit den großen Häusern der Welt steht, mit dem Rijksmuseum Amsterdam, der National Gallery in London und dem Louvre in Paris. Hier hängen ausschließlich Alte Meister, bis auf wenige Ausnahmen wie Hans Holbein stammen die Bilder aus Flandern und den Niederlanden. Viele Werke kennt die Welt wie Vermeers „Ansicht der Stadt Delft“, den „Stier“ von Paulus Potter, Rembrandts Selbstporträt und seine „Anatomie des Dr. Tulp“.

All das lockte jährlich 200 000 Kunstfreunde in das Mauritshuis. Es sollen mehr werden, viel mehr. Mit rund 250 000 rechnet Direktorin Emilie E.S. Gordenker nun, nach dem Umbau. Und der war alles andere als einfach, handelt es sich bei dem einstigen Stadtpalast von Johan Maurits von Nassau-Siegen (1604–1679) doch um ein historisches Bauwerk unter Denkmalsschutz. Zudem liegt es direkt neben dem Binnenhof, Sitz des Parlaments und der Ort, wo der König die Regierungserklärung abgibt. Hier musste ständig die Zufahrt frei bleiben, so dass kein Platz für eine Baustelle war. Und auch der Art-Deco-Bau auf der anderen Straßenseite, der den neuen Flügel beherbergt, steht unter Denkmalschutz.

Architekt Hans van Heeswijk löste die Herausforderungen, indem er den Eingangsbereich über einen gläsernen Abgang vor dem Museum unter die Erde verlegt. Der Vorhof und die Straße zwischen den Häusern wurden ausgeschachtet. Es entstand ein lichtes Souterrain-Foyer, in dem sich der Besucher viel willkommener fühlt als im schmalen Dienstboten-Zugang an der Seite wie früher. Der runde Fahrstuhl vom Vorplatz ist vollkommen aus Glas, ohne Stahlgerüst. Die Nutzfläche wurde fast verdoppelt von 3400 auf 6400 Quadratmeter. Im neuen Flügel gibt es einen Wechselausstellungsraum. Früher mussten für Ausstellungen stets Werke der Sammlung ins Depot. Man hat jetzt einen Vorttragsraum und eine geräumige Brasserie. 30 Millionen Euro kostete der Umbau. Und Gordenker verkündet stolz, man sei „on time and on budget“ fertig geworden, pünktlich und im Kostenrahmen.

Trotz so vieler Neuerungen solle das Mauritshuis der „Schmuckkasten“ bleiben, als den es die Besucher schätzen, sagt Direktorin Gordenker. Zwar wurden die Fenster und die Sicherheitstechnik auf den aktuellen Stand gebracht. Zwar wurden die Seidenwandbehänge erneuert, im oberen Stockwerk bei den Niederländern in Blau. Aber man soll das Haus wiedererkennen. Der Charme, die Intimität sollen erhalten bleiben. Darum findet man im oberen Flur auch noch die dichte Hängung von Gemälden übereinander, mehr wie eine Tapete als wie eine Museumspräsentation. Und auch der „Goldene Raum“ mit den monumentalen Ausschmückungen des italienischen Malers Antonio Pellegrini wurde gereinigt.

260 Werke der Sammlung sind jetzt ausgestellt, darunter die Neuerwerbungen der letzten Jahre wie das prachtvolle Stillleben mit Käse, Mandeln und Bretzeln der Antwerpener Malerin Clara Peters (um 1615). Das Museum kauft nicht einmal ein Bild pro Jahr. Wenn etwas auf den Markt kommt, was den Ansprüchen der Sammlung genügt, hat es seinen Preis. Manche Bilder wurden umgehängt, damit es vor ihnen kein Gedränge gibt. Das gilt für Fabritius’ augentäuschenden „Distelfinken“, seit die Amerikanerin Donna Tartt ihn zum Titelhelden ihres Pulitzerpreis-prämierten Bestsellers erkor. Und für Vermeers „Mädchen“, die man gern zur „Mona Lisa des Nordens“ stilisiert. Das Gemälde bekam zudem einen neuen Rahmen im Stil des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte soll auch in den Kunstwerken sichtbarer sein.

Johan Maurits, der als Generalgouverneur von Brasilien reich wurde, hatte den Palast zwischen 1633 und 1644 errichten lassen. Nach dem Tod des Erbauers diente das Haus vielen Zwecken, zwischenzeitlich waren hier hochrangige ausländische Gäste untergebracht wie Charles II. von England und der Herzog von Marlborough. Im 18. Jahrhundert brannte der Bau völlig aus und wurde im Stil des Barock erneuert. Bis der König dort seine Sammlung unterbrachte, die schon vorher der Öffentlichkeit zeitweise zugänglich war. 1822 wurde das Mauritshuis ein richtiges Museum.

Die Eröffnungsausstellung ist dem Haus gewidmet. Hier sieht man Dokumente über den Architekten Jacob van Campen. Man erfährt, dass Maurits einen Garten mit großen Eichen hatte, in denen eine Reiher-Kolonie nistete und den er durch einen unterirdischen Zugang betrat. Man sieht Skizzen und Baupläne, exotische Mitbringsel, mit denen schon Maurits seinem Heim eine museale Anmutung gegeben hatte.

Es scheint widersprüchlich, dass man die Intimität wahren und zugleich mehr Besucher anlocken will. Aber mit der klaren Strukturierung und dem Blick fürs Detail könnte das Unternehmen gelingen.

Das Mauritshuis wird am 27. Juni eröffnet.

Bis 1.11. tägl. 10 – 18, do bis 20 Uhr, ab 1.11. mo geschlossen.

Tel. 0031/70/302 34 56

www.mauritshuis.nl

Eröffnungsausstellung

„Mauritshuis – das Gebäude“ bis 4.1.2015

Quelle: wa.de

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