Der erste Band mit Briefen von Albert Vigoleis Thelen

In Feierlaune: Beatrice, Verleger Geert van Oorschot, Albert Vigoleis Thelen und Ursula Diederichs (von links) – Foto aus dem besprochenen Briefband.

Von Ralf Stiftel ▪ Albert Vigoleis Thelen (1903–1989) gehört zu den unbekanntesten Bestsellerautoren. Seine „angewandten Erinnerungen“, die 1953 unter dem Titel „Die Insel des zweiten Gesichts“ erschienen, erreichte sechs Auflagen. Eigentlich müsste Thelen heute neben Böll, Grass, Walser als prägender Autor der 1950er Jahre im Bewusstsein stehen. Es ist anders. Darum ist es ein Wagnis, eine dreibändige Auswahl mit Briefen zu starten.

Der Autor, geboren am Niederrhein, siedelte mit seiner Frau Beatrice 1931 nach Mallorca um. Eine politische Entscheidung, im selben Jahr schreibt er vom „Untergang Deutschlands“, der sich „immer stärker vorbereitet“. Jahrzehntelang leben sie im Exil. Die Zeit auf Mallorca bildet den Stoff der „Insel“, eines Schelmenromans um Huren, Faschisten und Nazi-Touristen. In den Briefen sieht man, wie hoch der Wirklichkeitsgehalt der Memoiren ist. Er tippte oft Kleinschrift, nicht aus Ideologie, sondern weil es Zeit sparte.

Das Paar lebte jahrelang als Gäste auf dem Gut des portugiesischen Schrifstellers Teixeires de Pascoaes, mit dem Thelen sich angefreundet hatte. Dem ersten Buch folgte ein Misserfolg. Thelen wurde vergessen, lebte als Hausverwalter in der Schweiz. Erst 1962 wurde eine Rente als Verfolgter des NS-Regimes bewilligt. 1985 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Zu wenig für nachhaltigen Ruhm.

Der erste Band, „Meine Heimat bin ich selbst“, enthält 287 Briefe von 1929 bis 1953, ausgewählt, behutsam gekürzt, klug kommentiert von den Herausgebern Ulrich Faure und Jürgen Pütz. Hier kann man die Entwicklung Thelens bis zum Erscheinen seines Erfolgsbuchs nachvollziehen. Er beugte sich nicht den Erwartungen des Publikums, das lieber Rechtfertigungen las als den starken Tobak eines Mannes, der sich als „Mussdeutscher“ fühlte.

Er verstieß gegen Tabus, schon in den 1930er Jahren bei seiner Übersetzung des „Paulus“-Buchs von Pascoaes. Und er zeigt sich selbstbewusst: „ich habe aber nichts geändert. Nur an einer stelle im vorwort habe ich die allzu strotzende ketzerhode von pascoaes im kapauni-traduzierverfahren abgebunden, um geistliche herren nicht gleich auf seite eins in krämpfe zu versetzen.“

Seine Sprache erregte bei den Vordenkern der „Gruppe 47“ Anstoß und sogar bei seinem Verleger. Dem schrieb er, um „Bedenken über eine gewisse Haufblütigkeit meiner Sprache zu zerstreuen“, dass es sich nicht um „gewagte … Wortneubildungen“ handele, sondern dass er sich auf überliefertes Sprachgut beziehe. Schon die Korrektoren mühten sich ab an schönen, bildstarken Ausdrücken wie „Liebeswiemen“, „Spindelmage“, „Schlunze“, „besaltern“. Wie Thelen sein Bestes gegen jeden Einwand verteidigt, wie er um Hilfe bittet bei Fakten wie dem Rattenkönig, dem Bocksbeutel und einer speziellen Form von spanischem Nachttopf, das zeigt, welche Mühen auch ein Genie noch an sein Werk wenden muss.

Was die Briefe so lesenswert macht, ist die unbändige geistige Präsenz des Autors. Man findet wunderbare Mini-Erzählungen wie diese: „gelegentlich werde ich euch einmal erzählen, wie ich in Oporto in einem feudalen Bordell der Matrone die Hausuhr repariert habe und mir als Bezahlung das Bukett des Hauses zur verfügung stand, ich aber leider auf dieses angebot verzichten musste, da ich, wie ich der dame erklärte, nur farbige frauen mit scharfem wildgeruch beschliefe, alles im vollen ernst und unter wahrung des südländischen zeremoniells, wobei ich der schon weisshaarigen Institutsleiterin, wie sie sich nannte, zum Abschied in aller Ehrerbietung die Hand küsste.“

Albert Vigoleis Thelen: Meine Heimat bin ich selbst. Briefe 1929-1953. DuMont Verlag, Köln. 504 S., 45 Euro

Quelle: wa.de

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