Ernst Ludwig Kirchner: Retrospektive in Frankfurt

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Von Cranach und der Geliebten inspiriert: Ernst Ludwig Kirchner: Stehender Akt mit Hut (1910/20). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ FRANKFURT–Wie eine stolze Liebesgöttin steht sie vor dem Betrachter, bekleidet nur mit den roten Schuhen, dem großen, schwarzen Hut und etwas Schmuck.

Kein bisschen Scham liegt in ihrem Blick, sie sucht den Augenkontakt mit dem Betrachter. Als Ernst Ludwig Kirchner 1910 seine Geliebte Dodo malte, fast lebensgroß, da suchte er ein modernes Menschenbild. Aber er orientierte sich an den alten Meistern, an Cranachs sinnlich aufgeladener Venus.1925 sagte Kirchner: „Ich staune über die Kraft meiner Bilder im Städel.“ Das Frankfurter Museum kaufte schon 1919 zwei Gemälde des Expressionisten. Und weil sein Galerist Ludwig Schames sich in der Main-Metropole für ihn einsetzte, entstand hier eine der umfassendsten Sammlungen seiner Werke. Das alles ging bei der Raubaktion „Entartete Kunst“ der Nazis verloren. Nach dem Krieg aber sorgte unter anderem Kirchners Freund Carl Hagemann dafür, dass in Frankfurt heute wieder eine der bedeutendsten Sammlungen von Kirchners Werken beheimatet ist. Der ideale Platz, um eine Werkschau auszurichten. Seit mehr als 30 Jahren war keine Kirchner-Retrospektive mehr in Deutschland zu sehen. Nun aber lockt der „Brücke“- Gründer wieder in einer exquisiten Auswahl.Rund 180 Werke zeigt das Haus in einer Raumfolge, die mit Selbstporträts einsetzt und dann der Chronologie folgt. Dabei versucht Kurator Felix Krämer, den neuesten Stand der Kirchner-Forschung zu bündeln. So glänzt die Schau nicht nur mit Leihgaben wie der Straßenszene (1913) aus dem New Yorker Museum of Modern Art, dem „Soldatenbad“ (1915) aus dem New Yorker Guggenheim, dem erstmals aus Bern, Davos und Washington wieder zusammengeführten Triptychon „Badende Frauen“ (1915/25) und weiteren prachtvollen Leihgaben aus aller Welt. Sie bietet auch Entdeckungen wie die „Liegende Frau im weißen Hemd“. Dieses Gemälde hing jahrelang im Städel und war doch unsichtbar. Kirchner ging sparsam mit seinem Material um. Viele Leinwände bemalte er beidseitig. Auch dieses sinnliche Bild von 1909, das noch die Frische seiner Dresdner Bohème-Jahre atmet, wurde zur Rückseite eines Frauenakts aus den 20er Jahren. Nun ist es erstmals ausgestellt – und bietet, anders als viele andere Bilder, einen ungeschminkten Blick auf seine Kunst jener Zeit. Kirchner hat viele andere Gemälde später überarbeitet, dieses blieb unberührt.In der Schau werden alle Schaffensphasen Kirchners dokumentiert bis hin zum Bild einer Schafherde, das nach Auskunft seiner Lebensgefährtin Erna in Davos auf der Staffelei stand, als der Künstler 1938 Selbstmord beging. Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit vor 1914, als er mit der „Brücke“ die deutsche Kunst in die Moderne katapultierte, als Miterfinder des Expressionismus, als Meister der Spontaneität, der Viertelstunden-Aktzeichnungen. Die Kraft jener Jahre reißt noch immer hin. Kirchner stilisierte sich zum Antibürger, schmückte sein Atelier aus mit erotischen Darstellungen und pflegte eine Lebensgemeinschaft mit seinen Modellen. Zu einer Lithographie-Serie deftiger Erotika von 1910 schrieb er: „So unterbrach ich oft eine Copulation, um die Stellung des Mädchens zu zeichnen...“ Thematisiert wird auch die Rolle der Kindfrauen Fränzi und Marcella. Fränzi kam als Achtjährige in Kirchners Atelier, und die „Brücke“-Maler nutzten die Naivität der Mädchen aus, um ihr Ideal unverfälschter Kind-Erotik in Bilder umzusetzen. Unterschwellige Sexualität strahlen auch die Berliner Straßenbilder flanierender Huren aus, darunter „Die Straße“ (1913) aus dem New Yorker MoMA.Aber auch die spätere Entwicklung wird nicht ausgeblendet, die Jahre, die Kirchner noch nach seiner traumatischen Kriegserfahrung blieben. Kurz nachdem er sich 1914 als 34-Jähriger freiwillig gemeldet hatte, erlitt er einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Er nahm Alkohol und Drogen, durchlief Therapien, und blieb bei alledem sehr produktiv. Es kommt zu einem Stilwandel. Die Malfläche gestaltet er jetzt ruhiger, er entwickelt eine neue, von Rosa- und Lilatönen geprägte Farbigkeit. Er greift die Inspiration von Matisse und vor allem Picasso auf, zum Beispiel in Gesichtern, die Frontalansicht und Profil überblenden. Bislang schätzten die Kunsthistoriker Kirchners Spätwerk nicht. Die Frankfurter Schau versucht, seinen Stellenwert jenseits bloßer Geschmacksurteile zu ermitteln. Die eher grafische Komposition von Bildern wie „Blonde Frau in rotem Kleid“ (1932) und „Bogenschützen“ (1932-37) entfaltet durchaus ihren Reiz und deutet eine Entwicklung an, die Kirchner nicht mehr vergönnt war.So bietet die Ausstellung das ganze Paket: Einen Gipfel der deutschen Malerei des frühen 20. Jahrhunderts, dazu das Drama eines erst durchrauschten, dann durchlittenen Lebens.Ernst Ludwig Kirchner im Städel, Frankfurt. Bis 25.7., di - so 10 - 20, mi, do bis 22 Uhr, Tel. 069/ 60 50 98 224, http://www.staedelmuseum.deKatalog, Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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